Frankfurter Rundschau

23.05.19 „Hans im Glück“ Es braucht nicht mehr als Kissen
Von Ruth Herberg
„Hans im Glück“ als amüsantes Open-Air für Kinder in Frankfurt.

Die folgende Geschichte ist kein gewöhnliches Märchen“, beginnt das bunt gekleidete Trio auf der Bühne. Denn, so erklären die drei weiter, es gebe keine Drachen und keine Prinzen, die um Prinzessinnen kämpfen. Nein, in dieser Geschichte geht es um einen jungen Menschen, der umso glücklicher wird, je weniger er hat: „Hans im Glück“, vor über 200 Jahren von den Brüdern Grimm in deren Kinder- und Hausmärchen aufgenommen, ist als Produktion des Theaters Gruene Sosse und des Hessischen Landestheaters Marburg nun als Open-Air für Kinder ab vier Jahren in Frankfurt zu sehen.
Die Vorgeschichte ist schnell erzählt: Nach sieben Jahren hat Hans – nacheinander gespielt von Robert Oschmann, Verena Specht-Ronique und Franziska Knetsch – seine Lehre beendet und plant zu seiner Mutter zurückkehren. Sein Meister will ihn für seine Arbeit belohnen und schenkt ihm einen Klumpen Gold. Diesen kleinen Prolog bringt Regisseur Xabiso Zweni nicht etwa als schnöde Nacherzählung auf die Bühne, sondern verpackt ihn in ein Lied. Die Bühne ist im Übrigen keine im eigentlichen Sinne, sondern die Ladefläche eines Lkw, der auf dem Paul-Arnsberg-Platz steht.
Die reduzierte Kulisse – sieht man von einem riesigen Berg bunter Kissen ab – tut dem Spiel jedoch keinen Abbruch. Selbst für das Darstellen der Tiere, die Hans in dem Märchen eintauscht, braucht es nicht mehr als diese Kissen. Und sogar der Klumpen Gold kommt als hellgraues Sofakissen daher. Bevor Hans den Heimweg antreten kann, gibt der Meister ihm noch ein „Lass’ dich nicht für dumm verkaufen“ mit auf den Weg. Doch auch der kleinste Zuschauer ahnt hier vermutlich schon, dass das nicht ganz gelingen wird.
Gleich dem ersten Menschen, dem Hans begegnet, gelingt es, sein Pferd gegen den Goldklumpen einzutauschen. Hans bereut den Deal aber sogleich, weil ihn das Pferd abwirft. Da kommt die Gelegenheit, das Pferd wiederum gegen eine Kuh einzutauschen, gerade recht. „Ich mag die Kuh, ich finde, sie ist hübsch“ reicht Hans als Argument für das Geschäft. Doch auch diesmal hat er kein Glück, denn die Kuh will keine Milch geben. „Es gibt einen Supermarkt hier um die Ecke, die haben auch Erdbeermilch und Schokomilch“, erklärt das sprechende Tier und bietet ihm stattdessen ein selbst geschriebenes Gedicht an.
Hans tauscht die Kuh trotzdem gegen ein Schwein, das er von einem Metzger bekommt. Als der die Kuh zum Schlachthof führen will, ruft sie erbost „Ich geh’ nicht zum Schlachthaus, ich bin Dichterin“, worauf der Fleischer erwidert „Na dann gehen wir zum Verlagshaus, ich bring‘ dich ganz groß raus“ – und spätestens hier können sich sogar die Erwachsenen in den hinteren Reihen ein Lachen nicht verkneifen. Doch nicht nur die Kuh scheint künstlerisch begabt. Das Schwein entpuppt sich als verkappter Star auf der Suche nach einer Plattenfirma, und gibt wie zum Beweis ein Ständchen zum Besten, das von den anderen beiden Darstellern beatboxend begleitet wird.
Zwar kennt die Grimm’sche Originalversion des Märchens keine Tiere, die der Kunst frönen (was im Übrigen auch die Gans Grace tut, die Hans im Tausch für das Schwein bekommt und die daraufhin zu Tschaikowski einige Pirouetten dreht). Doch der Grundgedanke kommt in dieser modernen Inszenierung wunderbar durch. Das Glück auch mal im Kleinen finden zu können, ist heute, in Zeiten, da alles immer und überall im Überfluss da ist, vielleicht wichtiger denn je.
Hans macht es vor – und ist schließlich „der glücklichste Mensch unter der Sonne“.




Frankfurter Allgemeine Zeitung

Xabisolethu Zweni, kurz Xabiso genannt, macht dieser Tage ganz neue Erfahrungen. „Hier arbeiten so viele Leute an einer Produktion, jeder hilft mit, dass das Beste daraus wird. Ich muss eigentlich nur die Ideen haben“, sagt der südafrikanische Regisseur, Schauspieler und Theaterpädagoge. In Port Elizabeth, wo der 1986 in Somerset geborene Zweni hauptsächlich arbeitet, ist er Regisseur, Bühnen- und Kostümbildner, Theaterpädagoge in Personalunion – und die Mittel für seine Stücke muss er auch selbst beschaffen. Afrikas mit 126 Jahren ältestes Theater, an dem Zweni bislang Erwachsenenstücke gezeigt hat, muss sich aus privaten Mitteln tragen, wie die meiste Kultur- und Bildungsarbeit in Südafrika.
Dass Zweni als Film- und Fernsehschauspieler und auch mit Unternehmenstheater und Werbung Geld verdient, ermöglicht ihm seine Kunst und die theaterpädagogische Arbeit mit Kindern und Jugendlichen. Für sie inszeniert er jetzt zum ersten Mal selbst – in Marburg. Seit 2014 ist Zweni immer wieder für Workshops nach Deutschland gekommen, in Wilhelmshaven hat er Carola Unser, eine der Intendantinnen des Landestheaters Marburg, kennengelernt. Das hat Zweni zu seinem jetzigen Projekt geführt: Denn das Frankfurter Theater Grüne Soße und das Landestheater sollen mit Bundesmitteln aus dem Programm Doppelpass ein Stück entwickeln, das auf einem Lastwagen gespielt wird und längerfristig als Open-Air-Theater „über Land“ touren soll, wo es wenig Kultur für Kinder gibt. Das Märchen „Hans im Glück“ kannte Zweni vor dem Auftrag noch nicht, den Hans findet er auch ein wenig schlicht. „Deshalb habe ich versucht, das Ganze ein bisschen zu würzen“, sagt er – ein afrikanisches Märchen hat er dazugewoben. „So kann man die Parallele ziehen und sich fragen, was Glück in unserer kapitalistisch geprägten Gesellschaft bedeutet.“ „Hans im Glück“ hat am 18. Mai in Marburg Premiere, von 19. bis 24. Mai steht der Theater-Lastwagen auf dem Paul-Arnsberg-Platz in Frankfurt, Sonntag wird um 15 Uhr, wochentags um 11 Uhr gespielt. Danach geht Hans auf Tour über Land. (emm.)




2019    
 
20.09.2019 17:00 Kirchhain Hans im Glück
22.09.2019 15:30 Waggonhalle Marburg Hans im Glück
 
27.10.2019 15:00 Spielstark Festival Ottweiler Hans im Glück
28.10.2019 09:30 Spielstark Festival Ottweiler Hans im Glück
28.10.2019 11:30 Spielstark Festival Ottweiler Hans im Glück