Frankfurter Allgemeine Zeitung, 2.3.2019

Wer Miau sagt, muss auch Mio sagen



Kathrin Marder und Ossian Hain fallen vor Verblüffung vielleicht sogar ein paar Hundertstelsekunden aus ihren Bühnenrollen namens Kathrin und Ossian. Dass die Kindergartenkinder im Publikum alle, aber auch wirklich alle ihrer Schattenfiguren erraten, noch dazu auf Anhieb, ist auch ziemlich erstaunlich. Es sind schließlich der fliegende Robert, Konrad, der Daumenlutscher, der Jäger im Brunnen - jene Figuren also, die sehr viele Eltern und Pädagogen lieber ein für alle Mal verbannen würden.

Nun sind sie auf der Bühne zu sehen, schräg, wild, intelligent und sehr aufmüpfig. Der neue "Struwwelpeter" des Frankfurter Theaters Grüne Soße fragt nach dem, was hinter den Bildern steckt. Oft nicht das, was Erwachsene vermuten. Da ist zum Beispiel der Zappelphilipp, der mit dem Stuhl kippelt, bis das Tischtuch samt Abendessen auf dem Boden liegt. "Kippeln macht schlau", sagt Kathrin Marder und kippelt noch ein bisschen heftiger. Weil damit der Gleichgewichtssinn trainiert wird. Dass indes das Gleichgewicht in der Familie, mit dem ausgegrenzten Sohn, dem geistesabwesenden Vater und der abgehetzten Mutter absolut nicht stimmt, das dreht, sichtbar, aber nicht ostentativ, das Bild des Zappelphilipps um. Und wer weiß, was passiert wäre, hätte man dem Kasper statt der ewigen Gemüsesuppe wenigstens einmal was vorgesetzt, was er wirklich mag? So aber träumt er von Pommes und kneift den Mund zu.

Der "Struwwelpeter" des Frankfurter Arztes Heinrich Hoffmann (1809-1894), 1844 gedichtet und gezeichnet, mag weltberühmt sein, für viele heutige Erwachsene ist er ein rotes Tuch: autoritär, wenn nicht gar reaktionär, brutal, die zarten Kinderseelen ver-, wenn nicht zerstörend, das ist in etwa die Kurzfassung der Vorbehalte.
Nun war Hoffmann Nervenarzt, hat sich für - in seiner Zeit - moderne Therapien gerade junger Patienten eingesetzt, war ausgesprochen fortschrittlich und hatte den Ur-"Struwwelpeter" für seinen Sohn geschrieben, weil er die damals üblichen Kinderbücher spießig, pedantisch und öde fand. Und ist "eine Welt, wo der Schneider im Wandschrank lauert, die Katze laut schluchzend dein Grab betrauert", nicht nahe an phantastischen Klassikern wie "Alice im Wunderland", die vor jeder Skepsis gefeit scheinen? Viele Kinder scheinen gerade das zu erkennen und mögen die krassen Geschichten von Hans, Pauline und Friedrich.

Dass da vielleicht doch etwas für heute drin sein könnte, haben die neuen jungen Kräfte des 1982 gegründeten Traditionstheaters gedacht. Mit performativen Ansätzen, geschickt gesetzten Leerstellen, mit Overhead-Projektionen, Rockgitarrenloops und schrägen Kontrasten haben sie einen ganz und gar frischen Zugang geschaffen. Auf der Suche nach dem Phantastischen in Sprache und Bildern hat die junge Regisseurin Liljan Halfen vor allem Fragen des Miteinanders gefunden. Wer macht die Regeln? Wer spielt das Spiel? Muss, wer Miau sagt, auch Mio sagen?, fragen die Performer Marder und Hain. Ernst und mit viel Lust an der Anarchie. Die bösen Enden der Geschichten werden, wenn überhaupt, nur verfremdet gezeigt und setzen den Neudeutungen gewitzte Schlusslichter auf. Nicht nur wenn Minz und Maunz streiten, wer Paulinchens Schuhe erbt, nutzt es allerdings sehr, die ursprünglichen Geschichten zu kennen. Und so kehrt, zum besseren Verständnis der Pointen, durch die Hintertür womöglich eine "Struwwelpeter"-Lektüre wieder. Auch wenn nicht alle solche Fachleute sein müssen wie die Kinder im Theaterhaus.

Von Eva-Maria Magel


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