Presse



Frankfurter Rundschau 11.09.2018

Was in der Welt schiefläuft


Das Frankfurter TheaterGrueneSosse macht einmal anderen Unterricht – mit Sex, Drugs und Rock’n’Roll.
Wie sollen junge Menschen ein Interesse fürs Theater entwickeln, wenn ihre Bedürfnisse dort keine Rolle spielen? Diese Frage hat sich das Team vom Frankfurter Theater Gruene Sosse gestellt und sich vorgenommen, es anders zu machen. In dem Theaterstück „Sex, Drugs, Geschichte, Ethik und Rock & Roll“ erleben Jugendliche ab 13 Jahren in „einem Beitrag zur Allgemeinbildung“, dass es ziemlich viel Spaß machen kann, Dinge direkt anzusprechen.
Im proppenvollen Theaterhaus-Raum tobt, kichert und gluckst es bei den ulkigen Sachen, die die beiden Darstellerinnen Kathrin Marder und Friederike Schreiber da auf der Bühne machen. Was gibt es denn in der Welt wirklich Wichtiges zu lernen? Reanimation vielleicht? – Ja, denn das ist hilfreich, damit kann man Leben retten. In unseren Schulen ist das aber nicht verpflichtend. Warum eigentlich? Immer wieder geübt, schult es das Verantwortungsbewusstsein und vermittelt ein Gefühl für die Bedeutung von Leben und Tod.
Sex ist das nächste wichtige Thema. Wer waren eigentlich die Hippies und was trugen sie zur Gleichberechtigung bei?
Das führt die Schauspielerinnen bald zu der Frage, weshalb Frauen eigentlich immer noch weniger verdienen als Männer. Dann geht es um Drogen, und dass nicht alles Schnee ist, was weiß ist, sollte man wissen. Aufklärung durch Konfrontation: Wie geil kann es sein, bei einer Party nicht mehr von der Kloschüssel zu kommen? Beim Thema Ethik wird aufgezählt, was alles in dieser Welt schiefläuft. Warum acht Männer alleine so viel Reichtum besitzen, wie die Hälfte der Menschheit zusammen und warum 260 Millionen Kinder auf der Welt keinen Zugang zu Bildung haben.
Und was sagt wohl das Kultusministerium dazu, weshalb für die Ereignisse nach 1945, wie zum Beispiel den Vietnamkrieg oder auch den Fall der Mauer, kaum Platz im heutigen Geschichtsunterricht der Sekundarstufe I ist? Stattdessen aber die Entwicklung zum Imperium Romanum, die mittelalterliche Stadtentwicklung und die Konfessionalisierung ausgedehnt werden? – Die Frage darf sich jeder selbst beantworten, sich dann aber nicht wundern, dass junge Menschen frustriert sind und die Komplexität der Welt nicht begreifen.
Flapsig und lustig geht es eine Stunde lang auf der Bühne zu. Es wird mit einer E-Gitarre gerockt und mit Farbbomben geworfen. Eine Schulstunde im intensiven Kontakt, ohne Smartphone. Berührungsängste gibt es keine, stattdessen viel Selbstbewusstsein.
Von Swantje Kubillus




Frankfurter Allgemeine Zeitung, 11.09.2018 Nr. 211, S. 34

Soll man da was lernen?


Das Theater Grüne Soße geht in die Bildungsoffensive

Der Titel geht im Grunde gar nicht. "Sex, Drugs, Geschichte, Ethik & Rock 'n' Roll", das ist einfach zu sperrig. Es sei denn, man liest das so, wie Siebt- oder Achtklässler ihre Stundenplan herunterbeten. In der fünften Stunde also wäre Rock 'n' Roll dran. Das sieht bei Friederike Schreiber und Kathrin Marder dann so aus: Sie schlendern, die Lippen geschürzt, die Haare über der schwarzen Lederjacke offen und die Sonnenbrille auf der Nase, lasziv nach vorn an den Bühnenrand und packen aus. Zwei gruselig echt aussehende Paintball-Gewehre. Und während es peng, peng, peng, an die Tafel knallt, spätestens da ahnt man, dass die Sache nicht gar so ungefährlich ist. Das Farbeschießen nicht und das so Theatermachen auch nicht.

Die Theatergruppe Grüne Soße, seit mehr als 30 Jahren in Frankfurt und weit darüber hinaus eine feste Größe im Kinder- und Jugendtheater, hat sich selbst einen Wandel verordnet. Jünger wird sie derzeit, mit mehr Leuten auf und hinter der Bühne und vor allem: mit viel mehr Frauen. Zwei von ihnen, Marder und Schreiber, kippen jetzt mit "Sex, Drugs..." obendrein ein gewissermaßen ehernes Gesetz des Kinder- und Jugendtheaters: Im Gegensatz zu den Erwachsenenbühnen reflektiert oder thematisiert es nicht sich selber. Und schon gar nicht ironisch. Insofern ist es in der Arbeit der Grünen Soße eine kleine Revolution, die da, im Gedenkjahr von Achtundsechzig, angezettelt wird.

Das Kinder- und Jugendtheater wehrt sich gegen den Anspruch, immer und unmittelbar etwas zum Lernen bereitstellen zu müssen. "Eine Beethoven-Symphonie muss man ja auch nicht verstehen können!", lautet der berechtigte Einwand. Doch die Kunst für die Jungen wird selten als Kunst, sondern eher als Nutzwertvermittler oder Lehrstoffillustration verstanden. Auslöser, wenn nicht wahr, so sehr gut erfunden, soll der Einwand einer Lehrerin nach einem Gastspiel des Festivals "Starke Stücke" gewesen sein. Das Stück sei "nicht verständlich" gewesen. Es steht zu hoffen, dass die Festivalleitung daraufhin nicht so ausgetickt ist, wie Schreiber es jetzt spielt. Überhaupt ist der blitzschnelle Wechsel der Haltungen, von Wutanfall und Herzinfarkt zu betont sachlicher Demonstration oder jugendlichem Überschwang, ein Markenzeichen dieser Inszenierung. Für die hat sich die Grüne Soße mit dem Choreographen und Performancekünstler Leandro Kees zusammengetan, was für ungewöhnliche Körpereinsätze, Spontaneität, Lust an der Unwägbarkeit sorgt. Im Publikum wird es bisweilen sehr laut und unruhig - das ist gewollt, ein weiterer Bruch mit den Konventionen.

Wie reich das Theater für die Jungen an diesen Konventionen noch ist, nehmen Schreiber und Marder aufs Korn. Sie führen Geschlechterrollen, Schneewittchenkostüm, "Seid ihr alle da"-Klischees aus der Mottenkiste vor. Denn das Theater hat beschlossen, den Spieß mal umzudrehen. Wenn es lehren soll und verständlich sein, dann, bitte sehr, kommt jetzt, in fünf Kapiteln, Nutzwert von Herzmassage über Sex bis Drogen. Mit aussagekräftigen Tafelbildern und anschaulichen Demonstrationen, die den Brachialhumor pubertierender Zuschauer lustvoll ansprechen. Wenn das Unterricht wäre, ginge es nicht, aber so, am Theater, geht alles, lautet die Devise.

Es geht um Moral und Ethik, um Gender und die Lügen der Erwachsenen. So ganz klar also ist sich die einstündige Performance dabei nicht, ob sie sehr deutlich eine Ästhetik des Kindertheaters formulieren will, Pamphlet oder doch eine Art theatrale Unterrichts-Satire sein will. Das Dilemma liegt auf der Hand: Einerseits auf dem Recht beharren, nichts erklären zu müssen, und andererseits die eigene Kunsthaftigkeit erklären, das geht nicht zusammen. Am besten funktionieren die fünf losen Szenen da, wo sie sich ganz dem Spiel des Moments hingeben, trotzig und frech.

EVA-MARIA MAGEL

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