Presse



Frankfurter Rundschau 08.09.2017

Leben aus den Fugen

Wenn die Eltern sich trennen: Im Theaterhaus Frankfurt ist das Stück „Als wir verschwanden“ zu sehen.

Mit verlässlichem Feingefühl hat sich das TheaterGrueneSosse einer Frage zugewandt, die zerbrechende Familien bedrängt. Was passiert mit den Kindern, wenn Eltern sich trennen? „Als wir verschwanden“ erzählt in der Regie von Antonia Brix am Theaterhaus Frankfurt im Rückblick die Geschichte, wie das Leben von Line und Thomas einst aus den Fugen geriet. Behutsam werden Raum und Zeitpunkt rekonstruiert, an dem alles begann.
„Ich arbeite!“ heißt es beispielsweise abwehrend, als sich die Kinder beim spät heimkehrenden Vater anschmiegen wollen. Es braucht nur wenige, eindeutige Gesten und kaum Worte, um die Verletzungen spürbar zu machen, die Eltern und Kinder einander zufügen. Unmerklich leise schleicht sich der Konflikt in das familiäre Leben ein. Geschickt gelingt es, diesem subtilen Prozess Spannung zu verleihen (Dramaturgie: Ossian Hain). Skurrile Sprachbilder, getanzte Dialoge (Choreografisches Coaching: Fiona Louis) und eine fantastisch vielgestaltige Sitzbank, die sich wie eine Raupe dehnt, biegt oder zusammenzieht, geben der Inszenierung trotz der schmerzhaften Thematik eine Leichtigkeit, die nicht in Oberflächlichkeit mündet. Im Gegenteil. Selbst extrem harte Folgen eines Trennungsprozesses werden nicht ausgeklammert, sondern vorsichtig integriert.

Besonders viel Verständnis erhält die Lage der Mutter. Während der Vater mit einer neuen Partnerin ein von den Kindern fernes Leben beginnt, sucht die Zurückbleibende im Alkohol Zuflucht. Die Kinder übernehmen mehr und mehr Aufgaben, die eigentlich den Eltern zukommen. Dieser Rollenwechsel wird in der Inszenierung durch die fließende Identität der Figuren geschickt betont. Line, Thomas und ihre Eltern werden von Willy Combecher, Sigi Herold, Friederike Schreiber und Verena Specht-Ronique abwechselnd gegeben. Kleine Signale, wie zum Beispiel beim Vater ein über der Oberlippe angehefteter Klebstreifen, helfen dabei, die Personen den jeweiligen Rollen zuzuordnen (Kostüme: Coco Hackel). Diese Übergänge gelingen problemlos.
Das von den Kindern formulierte Manifest: „Keiner darf wissen, dass Mama trinkt! Nie übernachten wir bei Papa. Nie werden wir seine neue Frau umarmen. Wir lassen uns nicht mit Süßigkeiten kaufen ...“ bildet jedoch keine langfristige Lösung. Immer mehr leere Dosen sammeln sich tütenweise in der Küchenecke an. Erst als die Mutter sich aus ihrer Passivität löst und den Kindern die Verantwortung abnimmt, wird Kindheit wieder möglich.
Artikel von Andrea Pollmeier




Frankfurter Allgemeine Zeitung, 08.09.2017, Nr. 209, S. 42

Kleine Erwachsene

Theater Grüne Soße spielt "Als wir verschwanden"

Was ist sie denn nun, diese Mutter? Tausend weiche Hände - oder doch eher eine Lampe ohne Glühbirne? Zuerst das eine. Dann, erschreckend schnell, das andere. Der Kummer macht sie schwach. Sie beginnt zu trinken. Und die Kinder, Line und Thomas, schließen einen Pakt: Niemand außen darf wissen, was mit ihrer Mutter ist. Mama darf nie alleine einkaufen gehen, nie darf sie die Gelegenheit bekommen, sich und die Kinder unglücklich zu machen. "Benimm dich wie eine Erwachsene", brüllt der Vater, der wegen einer Frau, die er für schöner, netter, besser hält, Frau und Kinder verlassen hat. "Wir waren eine glückliche Familie", erinnern sich die Kinder an ausgelassene Kitzelattacken, an Ausflügen und Feste. Auch die Erotik der Eltern wird gezeigt, die "Iiih"-Kommentare der Kinder.

Auf der Bühne im Frankfurter Theaterhaus versuchen Friederike Schreiber, Verena Specht-Ronique, Willy Combecher und Sigi Herold keineswegs, kindlich zu tun. Was den Kern von "Als wir verschwanden" ganz gut trifft. Denn die Kinder, um die es darin geht, sind gezwungen, sich beinahe wie Erwachsene zu verhalten. Was sie nicht können. Das Theater Grüne Soße führt mit diesem Stück, das 2013 als bestes dänisches Kinderstück ausgezeichnet worden ist, einen roten Faden fort. Zerbrechende Familien, das Scheitern, Trennungen sind immer wieder Thema der Künstler - schließlich sind es Fragen, mit denen sich Kinder, in diesem Fall von etwa neun Jahren an, alltäglich auseinandersetzen müssen. Ob als Betroffene oder als Freunde, Schulkameraden. Line etwa freut sich an einer Stelle darüber, dass auch die Eltern eines anderen Mädchens in ihrer Klasse sich dauernd streiten. Vielleicht hat sie bald eine Freundin, deren Eltern auch geschieden sind. Nun muss die Sache nicht so schlecht ausgehen wie in "Als wir verschwanden", wo nicht nur eine heile Familie verschwindet, sondern eine Mutter obendrein. Faarups Text hebt dieses Verschwinden immer wieder in die Poesie, vor allem mit den Bildern, die beide Eltern charakterisieren: das ungemachte Bett, der rote, kuschelige Bademantel.

Regisseurin Antonia Brix hat sich ein einfaches, effektvolles Mittel gesucht, um diese Bilder, das Auftauchen und Verschwinden von Räumen, Situationen, Lebenszeiten zu zeigen: Mit Malerkrepp kleben die vier Darsteller Symbole und Linien auf sich und den Bühnenboden, so schnell gemacht wie wieder zerstört. Ein Sofa aus gefaltetem Karton signalisiert die immer distanzierter werdende Elternbeziehung. Das bringt Bewegung und Tempo, die heiter-melancholische Musik von Simon Ho und das Licht (Bühne Detlef Köhler) unterstreichen die wechselnden Stimmungen. Umso mehr wechselnd, als auch die Rollen der Kinder und Eltern immer mal wieder umverteilt werden unter den Darstellern, als spielten sie einander tatsächlich eine Erinnerung an das Verschwundene vor. Diese Spielsituation macht die Dramatik leichter, fügt ihr Theaterkraft hinzu, ohne sie zu entkräften.

Der letzte Satz dürfte manchem Erwachsenen in den Ohren gellen. Und vor allem manches Kind im Publikum stärken. Vielleicht auch darin bestärken, sich Hilfe zu holen. "Es ist wichtig, sich gut um seine Kinder zu kümmern. Denn das können sie nicht alleine."

EVA-MARIA MAGEL




Frankfurter Neue Presse, 08.09.2017

Wenn Papa und Mama sich trennen

Das „Theater Grüne Soße“ nimmt sich des Themas einfühlsam an
Mit „Als wir Verschwanden“ zeigt das „Theater Grüne Soße“ im Frankfurter Theaterhaus, wie eine Familie zerbricht.

Eben noch war da die glückliche Familie mit Pizza, Kartenspielen und Dippemess. Dann die Mitteilung der Eltern: „Wir lassen uns scheiden.“ Ein Satz, der die Kindheit von einer Sekunde auf die andre beendet und Kinder von jetzt auf gleich in eine Rolle katapultiert, die zu schwer für sie ist. Denn plötzlich wiegen Liebe und Zuneigung für die Elternteile anders, dürfen (scheinbar) nicht mehr einfach gelebt werden, sondern müssen (scheinbar) durch Regeln ersetzt werden, die dem Diktat von helfen und strafen, trösten und Widerstand folgen. Der kindliche Verstand versucht zu ordnen, was das Herz nicht begreift.
Und auch das wird deutlich im Stück der der dänischen Autorin Lotte Faarup: Eine Trennung drängt Kindern immer wieder Momente auf, in denen sie sich schuldig fühlen. Das fängt mit Loyalitätskonflikten an und hört bei Überforderungsgefühlen längst nicht auf. Denn was kann ein Kind schon ausrichten, wenn der Vater wie in Faarups Stück eine Neue hat und die Mutter ihren Schmerz mit Alkohol ertränken möchte?

2013 wurde das Stück, das das Ende des Kindseins durch das Auseinanderbrechen der Familie zu kleinen Szenen verdichtet, als bestes Kinder- und Jugendtheaterstück Dänemarks ausgezeichnet. Das „Theater Grüne Soße“ zeichnet die Situationen im Theaterhaus nun poetisch, einfühlsam, humorvoll, augen- und sinnfällig mit ebenso einfachen wie passenden Mitteln nach. Geschwind ist die Wohnung mit Kreppband abgeklebt oder eine Krawatte auf das Hemd geklebt. Sessel und Tisch werden auf die Bühne getragen ebenso wie eine wunderbar wandelbare Ziehharmonika-Sitzbank, die für diverse Spielmöglichkeiten taugt.
In diesen Setting treffen sich Willy Combecher, Sigi Herold, Friederike Schreiber und Verena Specht-Ronique, um sich als erwachsene mit wechselnden Rollen in das Familiendrama und seine leisen Vorboten zu begeben. Mühelos gelingt ihnen das Kunststück, gerade durch diese feine Distanznahme zu berühren. Und so machen sie unter der Regie von Antonia Brix sehr schön sichtbar, wie aus der ursprünglichen Ordnung Chaos wird. Die Botschaft des Stückes für Schüler ab 9 Jahren ist klar: Es darf nicht zur Aufgabe der Kinder werden, das Chaos zu beseitigen.
von Astrid Biesemeier