Frankfurter Allgemeine Zeitung, 30.03.2017, Nr. 76, S. 35

Salvatore heißt Retter

Das Theater Grüne Soße spielt "Gute Reise"

Zuckersüß wie die Kindheit, so trinkt man die letzte Tasse Tee nach Tuareg-Art. So erzählt es der Fischer Salvatore. Tarek allerdings, der kleine Junge aus dem winzigen Dorf in Mali, erlebt nicht viel von dieser Süße. Deshalb macht er sich auf, mit seinen roten Fußballschuhen, durch die Wüste, übers Meer, um in Italien ein berühmter Fußballer zu werden. Mit diesem Meer aber, so sagt es der Fischer Salvatore, der auf Lampedusa lebt, stimmt schon lange etwas nicht mehr. Es schwimmen Dinge darin, die nichts in ihm zu suchen haben. Müll, ja, aber auch Menschen. Oft sind sie tot.

Tarek ertrinkt nicht in Claudio Simeones Stück "Gute Reise", das vom Theater Grüne Soße nun in deutschsprachiger Erstaufführung gezeigt wird. Nur fast. Es ist Salvatore, der ihn rettet. Salvatore, das heißt Retter, übersetzt Sigi Herold. Er ist auf der Bühne des Frankfurter Theaterhauses in souveränem und schlichtem Spiel nicht nur jener Salvatore, er ist, mit einer kleinen Puppe, auch Tarek, er ist ein unbekannter Erzähler aus Deutschland, ist, mit wenigen Objekten, Wüste und Meer, und zeigt, mit knappen, eindringlichen Gesten, wie Tarek überlebt. Nur ein nasses Fußballtrikot wringt er aus.

Was so dramatisch klingt, wie es viele Flüchtlingsschicksale sind, hat Simeone in aufregende, traurige, heitere und zuversichtliche Szenen gefasst, in einer schlichten Sprache, die Poesie und handfeste Information für ein Publikum verbindet, das acht Jahre und älter ist. In Detlef Köhlers Inszenierung ist es gerade auch dieser sachliche Aspekt, der die Kinder vom ersten Augenblick an spürbar für Tareks Geschichte einnimmt. Die Fakten aber werden auf spielerische Weise in Theater verwandelt.

Da fragt Herold ins Publikum, ob die Kinder schon einmal von Frankfurt nach Heidelberg gefahren sind, und lässt sie, multipliziert mit 60, auf diese Weise nachvollziehen, wie viele Stunden Tarek in der Wüste unterwegs ist. Er macht aus 150 Bauklötzen eine Wagenladung Menschen, die eng zusammengepfercht und ohne Wasser tagelang durch die Wüste fährt, von Schleppern ausgebeutet und von Polizisten erpresst. Er malt auf eine Bretterwand auf der Bühne (Motz Tietze), die später zu Tareks Versteck in Tunis wird, eine Landkarte Afrikas, die Stationen der Reise, das Mittelmeer und Europa. In einer knappen Stunde gelingt es der Inszenierung so, mit wenigen ausdrucksstarken Mitteln ein großes Thema auf einfühlsame, aber nicht anbiedernde Weise für Kinder zu zeigen - ein zartes und packendes Stück Theater.

EVA-MARIA MAGEL



Frankfurter Neue Presse 30.03.2017

Flüchtlingsstück für Kinder: „Gute Reise“
Tarek träumt von Fußball


Das Ein-Personen-Stück „Gute Reise“ wird vom „Theater Gruene Sosse“ gespielt. Es handelt von einem kleinen Jungen aus Afrika, der nach Italien will.
Das Flüchtlingsthema ist eines, das derzeit von vielen Theaterautoren auf die Bühne gebracht wird. Der Italiener Claudio Simeone hat dies vor zwei Jahren getan. In „Gute Reise“ schildert er die Erlebnisse des kleinen Tarek, der sich vom westafrikanischen Mali aus auf den Weg nach Europa macht. Das „Theater Gruene Sosse“ zeigt das etwa 50 Minuten lange Ein-Personen-Stück für Kinder ab acht Jahren jetzt im Frankfurter Theaterhaus.

Dabei bedient sich Regisseur Detlef Köhler einfacher Mittel. Auf einer Art hölzernem Paravent (Bühne: Motz Tietze) ist eine Karte aufgemalt, anhand derer der Erzähler und Solist Sigi Herold mit Kreide den langen Weg des jungen Flüchtlings nachzeichnen kann. Dann gibt es noch ein Paar Fußballschuhe und ein Trikot, welche die Sehnsüchte Tareks widerspiegeln, einen Spielzeuglaster, in dem kleine Bausteine darstellen, wie eng zusammengepfercht die heimatlos Gewordenen die Fahrt durch die Wüste überstehen müssen, oder eine Wanne voller Wasser, die das Meer symbolisiert.
60 Mal nach Heidelberg

Dieses zu erreichen und es dann zu überqueren, ist das Ziel des kleinen Fußballfans. In Italien für seinen Lieblingsclub Juventus Turin zu kicken, sein großer Traum. „Wenn du Muscheln im Sand siehst, dann weißt du, du bist am Meer angekommen“, sagt eine Frauenstimme ganz am Anfang aus dem Off.

Um nachvollziehen zu können, was der kleine Abenteurer bis dahin zu erleiden hat, bedient sich der Erzähler zahlreicher Vergleiche mit dem hiesigen Alltagsleben. Die Strecke etwa, die er zurücklegen muss, sei so, als würde man 60 Mal von Frankfurt nach Heidelberg fahren. Und zwar in einem Auto ohne Klimaanlage, mit geschlossenen Fenstern bei sommerlicher Hitze und zwölf Leuten, die sich auf vier Sitzen zusammendrängen und dabei aufpassen müssen, dass sie nicht rausfallen, da die Türen kaputt sind.

So können alle ein bisschen mitleiden und auch mitzittern, als der Wagen einen Kontrollposten passiert und Tarek nur mit Mühe und dank seines auf dem Fußballplatz erworbenen körperlichen Geschicks sich und seine geliebten Turnschuhe retten kann. Herold erzählt dies alles sehr anschaulich und spielt Szenen lebhaft nach. So gerät, trotz des vielen Textes, das pädagogisch angehauchte Werk nicht zum eintönigen Monolog. Die Kinder, die aufgefordert sind, das Geräusch des Zuges nachzuahmen oder die eine oder andere Frage zu beantworten, hätten sich aber gerne noch öfter eingebracht.

Tareks Reise endet glücklich. Ein Fischer rettet ihm das Leben, nachdem das Flüchtlingsboot untergegangen ist. Dass es anders hätte ausgehen können, macht die letzte Szene deutlich. Da holt Herold ein klatschnasses Juve-Trikot aus einer Plastikwanne und lässt es allein vor sich hin tropfen. Ein trauriges Bild, wenn man begreift, wofür es steht.
KATJA STURM



Frankfurter Rundschau 27.03.2017
TheaterGrueneSosse


Am liebsten zu Juventus

Das Theater Gruene Sosse in Frankfurt erzählt von einem Flüchtlingsschicksal und wünscht "Gute Reise".


Wie viel sind 6000 Kilometer? Und wie viel sind 600 Kilometer, wenn man einer von 150 Menschen ist, die auf einem Laster durch die Wüste reisen und auch auf dem Führerhaus sitzen müssen, aber keinesfalls runterfallen dürfen, denn der Lasterfahrer hält nicht an, wenn jemand runterfällt? Und wie viel sind 300 Kilometer, wenn man auf einem Boot zusammengepfercht ist und das Mittelmeer keineswegs eine stille blaue Fläche, wie es sich Tarek eigentlich vorgestellt hat? Tarek kommt aus Mali und will nach Italien, wo er Fußballspieler werden will bei Juventus Turin.
Das Thema Flüchtlingsschicksale ist im Theater angekommen, auch im Kinder- und Jugendtheater. Ende 2015 hatte ein Einpersonen-Stück des Italieners Claudio Simeone Uraufführung, nun zeigt es das Frankfurter Theaterhaus mit Sigi Herold und in der Regie seines Theater-Gruene-Sosse-Kollegen Detlef Köhler. „Gute Reise“ erzählt nun in rund 50 Minuten vom Jungen Tarek und vom Fischer Salvatore, der Tarek aus dem Meer zieht. Jahrelang hat der Sizilianer „farbenprächtige Fische“ aus dem Meer gezogen, jetzt sind immer öfter andere Dinge darunter – der Ausweis eines offenbar Ertrunkenen zum Beispiel.
Ein Paravent wird auch zur Tafel, auf der sich mit Kreide die Reisestrecke Tareks zeichnen lässt. Ein Spielzeugkipplaster, ein Wasserkanister, rote Sportschuhe genügen, um Miniszenen plastischer zu machen (Bühne: Motz Tietze). „Gute Reise“ ist nicht ohne pädagogischen Anspruch, aber der Text setzt doch vor allem darauf, die physischen Mühen einer so langen Fahrt begreifbar zu machen. Stellt euch vor, sagt Sigi Herold zu seinen jungen Zuschauern, ihr müsst 60 Mal von Frankfurt nach Heidelberg. Stellt euch vor, überall ist Sand, sogar in den Ohren. Stellt euch Stunde um Stunde in der heißen Sonne vor. Und dann kommt ein Kontrollposten, Soldaten, die den Leuten auf dem Laster ihr letztes Geld abpressen.
„Gute Reise“ ist ein schlichtes kleines Stück, es nennt die Dinge beim Namen, ohne pathetisch oder allzu belehrend zu werden. Am Ende zieht Herold aus einer Plastikwanne ein tropfnasses Juventus-Turin-Trikot, da versteht man auch, wie schnell eine solche Reise schlecht ausgehen kann.

SYLVIA STAUDE