TheaterGrueneSosse & Theaterhaus Ensemble

Antigone


von Jean Anouilh für alle ab 14 Jahren


Antigone ist jung und sie hat eine Entscheidung getroffen: Sie wird ihren Bruder beerdigen, der im Kampf getötet wurde. Obwohl König Kreon das bei Todesstrafe verboten hat. Der König befiehlt, dass der Tote unbestattet liegen bleibt und zum Himmel stinkt. Denn der war ein Aufrührer, ein Rebell und der König muss die Ruhe im Land wieder herstellen und zeigen, wer der Stärkere ist. Doch Antigone widersetzt sich. Für sie ist das universelle Menschenrecht auf eine würdige Bestattung höher einzuschätzen als das Gesetz des Königs. Und nichts kann sie von ihrem Plan abbringen.
„Jeder tut was er muss. Kreon muss uns töten lassen und wir müssen unseren Bruder bestatten. So sind die Rollen verteilt. Was sollen wir sonst tun?“

Diese Tragödie, eine der ältesten und schönsten Geschichten der Welt, ist heute so aktuell wie nie, wo die ganze Welt dröhnt und tobt und stöhnt. In Rob Vriens´ Inszenierung spielen vier Frauen und vier Männer miteinander und gegeneinander. Alle sind Antigone, alle sind Kreon und sie stellen sich gemeinsam mit dem Publikum den drängenden Fragen: Was kann ich als Einzelner tun? Wo habe ich das Recht und sogar die Pflicht, nein zu sagen, auch wenn der Gegner übermächtig erscheint? Welche Auswirkungen hat mein Handeln? Ist das Leben nicht wichtiger als das Gesetz?

Regie und Konzept: Rob Vriens
Musik: Gregor Praml
Bühne: Detlef Köhler
Dramaturgie: Gordon Vajen
Kostüme: Kerstin Laackmann
Produktion: Susanne Freiling
Foto: Kathrin Schander
Assistenz: Julia Buchberger
Hospitanz: Fabian Strobel
Praktikum: Marlene App

Spiel: Willy Combecher, Günther Henne, Sigi Herold, Michael Meyer, Uta Nawrath, Friederike Schreiber, Susanne Schyns, Verena Specht-Ronique


Premiere: 07.10.2016 um 19:00 im Theaterhaus Frankfurt





Frankfurter Allgemeine Zeitung, 11.10.2016, Nr. 237, S. 34

Jeder tut, was er tun muss

Groß denken: Das Theaterhaus Frankfurt zeigt eine sehenswerte "Antigone" für Jugendliche und Erwachsene
Kreon muss das dreckige Staatsgeschäft erledigen, auch wenn er viel lieber lesen oder träumen würde. Sogar als alle schon gestorben sind, geht er ohne eine Träne zum Ministerrat. Jeder tut, was er tun muss. Auch Antigone hat nur getan, was sie tun musste. Das aber ist in dieser "Antigone", die nun das Theaterhaus Frankfurt zeigt, weniger eine Pflicht, die aus dem göttlichen Befehl des Mitleids erwächst. Es ist eher ein jugendliches Begehren und Aufbegehren, das diese Antigone antreibt.

Die Dramaturgen Susanne Freiling und Gordon Vajen haben sich für ihre Fassung nicht den antiken Sophokles, sondern Jean Anouilhs 1944 uraufgeführtes Drama vorgenommen. Das passt zu einem Haus, das dem Kinder- und Jugendtheater verpflichtet ist, im besten Fall aber alle erreichen will, in diesem Fall etwa im Alter von zwölf Jahren an. Der Regisseur Rob Vriens aber nimmt, so wie es die wundervollen, in verschiedenen Blautönen gehaltenen Kostüme von Kerstin Laackmann tun, die Fäden der Antike wieder auf, um sie zeitgenössisch zu verweben und zu vernähen. Jede der vier Frauen und jeder der vier Männer kann Antigone und Kreon sein. Überhaupt werden das Rollenspiel und das Erfüllen einer Rolle von Anfang an zum Thema gemacht.

Alle also sitzen sie da zu Beginn und legen aus kleinen Kieselsteinen einen Namen auf die Erde: Polyneikes. Dass er es eigentlich gar nicht wert ist, die Opfer zu provozieren, die schließlich gebracht werden, mit dem Tod von Antigone, Haimon und Eurydike, symbolisieren diese Steine, die später unter bloßen Füßen in alle Richtungen stieben: Nur mit einer Handvoll Kiesel und zwei kargen Bänken hat Detlef Köhler die Bühne ausgestattet, die auf Emporen, Treppen und sogar auf Leitern die gesamte Längsachse des Hauses bespielt.

Es wird also, in jeder Hinsicht, groß gedacht. Chorisches Sprechen und - manchmal etwas zu zahlreiche - Wiederholungen sowie Überlagerungen von Monologen sind Vriens' bevorzugte Mittel, um das Bewegliche und Unfeste hervorzuholen, während die Bewegung der acht Darsteller im Raum, geometrisch, oft tänzerisch, auch ihre Verpflichtung auf bestimmte Rollen zeigt. Diejenige Antigones ist es, obwohl sie schon 20 Jahre alt ist, ein Mädchen zwischen Kindheit und Erwachsensein zu sein.

Es geht um die Freiheit, jene, die Kreon abgibt, um zu herrschen, und jene, die sich seine Nichte nimmt. Noch nie, sagt Antigone, habe sie das Gefühl gehabt, etwas entscheiden zu können. Nun, da sie es zum ersten Mal kann, geht sie den eingeschlagenen Weg bis zum Ende. Trotzig ist das, wild, auch geheimnisvoll, obwohl die Inszenierung von Anfang an darauf setzt, auch ohne weiteren Kontext verständlich zu sein.

Hier und da scheinen Ismene, Haimon, Eurydike und die Amme auf. Vriens holt das Jugenddrama aus dem Stoff hervor, gipfelnd in einer Liebes- und Abschiedsszene zwischen Antigone und Haimon, die auch die hartgesottensten Filmkonsumenten hinreißen muss. Was nicht zuletzt mit der Bühnenmusik zu tun hat, die Gregor Praml live und mit zahlreichen elektronischen Sample-Finessen auf seinem Bass erzeugt. Auch in dieser Hinsicht gönnt es sich die Inszenierung, für die sich die beiden Ensembles zusammengetan haben, die auch in der Gesellschafterrunde des Theaters vertreten sind, größer als üblich zu denken. Mit Erfolg. Uta Nawrath und Susanne Schyns, Michael Meyer und Günther Henne vom Theaterhaus-Ensemble spielen zusammen mit Willi Combecher und Sigi Herold vom Theater Grüne Soße, der als Wachmann die Lacher auf seiner Seite hat. Als langjährige Gäste sind Friederike Schreiber und Verena Specht-Ronique dabei. Vriens, dem Haus seit mehr als zehn Jahren verbunden, kennt Stärken und Schwächen der Spieler und des Raums und kann mit den Pfunden wuchern. Herausgekommen ist eine frische, höchst sehenswerte "Antigone".

EVA-MARIA MAGEL




Frankfurter Neue Presse, 15.10. 2016

Zwischen Staatsräson und göttlichem Gebot

Mit Rob Vriens hat Frankfurts „Theaterhaus“ seinen eigenen Flandern-Niederlande-Schwerpunkt. Jetzt inszenierte Vriens Anouilhs „Antigone“.
Empfohlen wird Vriens´ „Antigone“ ab 12 Jahren. In der Tat sind gewisse Verständnisklippen der Tragödie Jean Anouilhs (1910-1987) bei Vriens elegant umschifft, die Identifikation für junge Menschen erleichtert. Schneite man einfach so herein, käme man aber gar nicht auf die Idee, dies sei Jugendtheater. Seine kluge, vollgültige Inszenierung für jedermann ist kurz nach der Premiere schon ausgesetzt, kehrt im März aber wieder.
Mit einer Galerie über der Bühne nebst Bänken, Türen, Treppe und Leiter bietet der Spielraum ein Ambiente zwischen Palastfassade/Agora und Bühnen wie dem „Globe“, das dem feinen Ernst der Inszenierung gut tut. Kerstin Laackmann steckt die barfüßigen Darsteller (TheaterGrueneSosse und Hausensemble) in grau- bis taubenblaue Kostüme antiker Anmutung mit Gürteln und Bläut die Haarspitzen an: thebanische Einheitsmode, denkt man, die sich mit Gregor Pramls klagend-aufgerührtem Live-Cello ergänzt. Wie diszipliniert das farbenreiche Spiel der Darsteller sitzt, zeigt sich, wenn das Männerquartett die Amme spielt und das junge Publikum trotz der Travestie nicht loszualbern anfängt.

Detlef Köhlers Bühne ist metaphysisch leer, doch liegen kleine Kiesel zum Schriftzug „Polyneikes“ aus, um die Leiche im Angelpunkt des Geschehens zu symbolisieren und später deren Verwesung. Das Stück hebt nach dem Tod er Ödipus-Söhne Eteokles und Polyneikes im Krieg der Sieben gegen Theben an. König Kreon hat Polyneikes´ Bestattung aus Staatsräson verboten; göttlichen Gebot und Pietät verlangen sie Antigone indessen ab. Ein Muster tragischer Unauflösbarkeit.
Anouilh lässt der Handlung jede Chance, untragisch auszugehen. Sein Kreon ist Pragmatiker oder Opportunist und will Antigones Tod nicht, solang ihr Vergehen nicht bekannt, nicht zum Politikum wird. Sie aber zeigt den Eifer ideologischer Absolutheit (das Stück entstand 1942) und stilisiert ihr Selbstopfer und Zeugnis zum einzigen Weg, in der Wahrheit zu leben. Beide reden von Rollen: im Staat, vor der Geschichte. Die Akteure rahmen das in Wendung ans Publikum episch ein, zeigen aber viel Gefühl und leise Komik, werben um Verständnis für Antigones Zerrissenheit. Anrührend malt Antigone sich aus, was sein könnte (hätte sein können) – und geht entschlossen den anderen Weg. Das alles schön umgesetzt.
Marcus Hladek