Frankfurter Allgemeine Zeitung, 29.02.2012, Nr. 51, S. 39

Weg ist weg

Das TheaterGrueneSosse spielt "Nebensache"



In Herzblattzeitschriften gibt es sie oft, diese "Geschichten, die das Leben schrieb". Entsetzlich traurige, oft auch entsetzlich banale. Ein solches Leben erzählt auch der Text von Jacob Mendel und Gitte Kath. Nicht gerade Stoff, aus dem Kindertheaterstücke sind, möchte man meinen. Zumindest für den, der die Geschichte erzählt, scheint sie keine "Nebensache" zu sein, so der Titel des Stücks, das nun das Frankfurter Theater Grüne Soße für Kinder von sechs Jahren an zeigt. Sigi Herold spielt unter der Regie von Willy Combecher einen Mann, der auf der Straße lebt; Motz Tietze hat ihm, als einziges Bühnenbild-Element und Requisit zugleich, einen zauberhaften Wagen gebaut, aus dem er Kaffeekocher, Rasierer, Waschzeug und viele Erinnerungen hervorholt. Anhand von Objekten und wie beiläufig entwickelt Herold mit minimalem Spiel die Geschichte vom jungen Bauern, der eine Familie gründet, im Streben nach Wohlstand einen Haufen Schulden macht und bald vergisst, dass eine Ehe und eine Familie Zuwendung brauchen. Frau und Kinder, verliert er, Haus und Hof folgen. Das Schicksal des Namenlosen erinnert stark an einen früheren Versuch der Grünen Soße, mit "Schutzmann und Katze" ein ähnliches Krisenstück mittelalter Gescheiterter für Kinder interessant zu machen. Doch was damals missglückte, gelingt in "Nebensache" dann doch: Durch die entschlackte Form und Herolds steten Dialog mit den jungen Zuschauern, die Fragen beantworten, Einwände machen, sogar die Namen der Figuren bestimmen können, entwickelt sich bei den Kindern durchaus Interesse an diesem merkwürdigen Landstreicher und seiner Geschichte, die Bemerkungen verraten, wie intensiv sie dessen Erzählung mit ihrer eigenen Lebenserfahrung abgleichen. Bis eines der Kinder ruft: "Der Bauer, das bist doch du!" Und die anderen erklären, das alles sei aber doch Theater - "nur".

Das Stück für Kinder von sechs Jahren an wird an wechselnden Orten gespielt.




Frankfurter Rundschau, Feuilleton, 27.02.2012

Ein Leben

„Nebensache“ mit dem TheaterGrueneSosse


Von Judith von Sternburg

Das TheaterGrueneSosse erzählt eine Tragödie aus der Erwachsenenwelt. Das funktioniert hervorragend. Einen Teil der Geschichte verstehen die Kinder einfach nicht ganz. Den tragischen Teil. „Nebensache“ wirkt als Titel untertrieben, der Untertitel, „Die Geschichte eines Lebens, erzählt und gespielt für alle ab 6 Jahren“, sagt aber, wie es ist.
Von Jakob Mendel und Gitte Kath stammt der Text, Sigi Herold ist der Erzähler und Spieler. Regisseur Willy Combecher lässt ihn unter der Plane hervorkommen, die schon auf der Bühne lag. Ein Wägelchen zum Ziehen taucht ebenfalls darunter auf, es ist bald Kleiderschrank, Küche, Bad, Esszimmer. Das ist praktisch und lustig. Man darf an Charlie Chaplin in dem Film denken, in dem er mit einem anderen Mann extrem Platz sparend zusammenlebt, aber Sigi Herold macht keine Späße, aber Charlie Chaplin eigentlich auch nicht. Jedenfalls kann man sich das in Ruhe ansehen, bevor der Mann anfängt zu erzählen.
Von einem Bauern, der alles gewinnt – eine Frau, die wie das Mädchen dort Louisa heißt, drei Kinder, die wie die drei anderen dort Tom, Silvio und Sophia heißen, eine Waschmaschine, einen Fernseher, ein Pferd (für die Kinder), einen Flügel (für die Kinder). Das Pferd heißt Raiffeisen, wie die Bank, die es finanziert hat. Dann berichtet der Mann, wie der Bauer alles wieder verliert.
Sigi Herold ist ein lakonischer Erzähler – sehr zugewandt ohne Anbiederei – und führt entspannt vor, wie er eine Geschichte aus dem Nichts zaubern kann. Dass der Erzähler selbst jener Bauer sein dürfte, der inzwischen nur noch ein Wägerlchen hat, verstehen die Kinder nach eigenem Bekunden. Als aber der Mann mit seinem Wagen abzieht, ruft es aus dem Publikum: Der geht jetzt bestimmt nach Hause. So viel dazu.




Frankfurter Neue Presse 24.02.2012

Ein bisschen Mitleid lernen

Sigi Herold vom "Theater Grüne Soße" spielte im Freien Theaterhaus Frankfurt "Nebensache" von Jakob Mendel.


Manchmal sieht man, wie Eltern ihren Kindern eine Münze geben und sie zum Obdachlosen an der Ecke schicken. Damit sie Mitgefühl lernen. Viel häufiger ist, dass Erwachsene, die einmal Mitgefühl lernten, achtlos am Obdachlosen, der Bettlerin vorübergehen. "Die müssten doch gar nicht betteln. . ."
Sigi Herold bettelt nicht. Er fragt, erzählt, redet. Und das auch erst, nachdem er sich unter seiner wetterfesten Plane hervorgearbeitet hat. Nachdem er stumm die Fächer, Schubladen, Klappkästen aus dem Kasten auf seinem Fahrradanhänger vorgeführt hat. Das Rasierzeug. Den Gaskocher für den Morgen-Espresso.
Dann kommt er ins Gespräch: zeigt das Bild eines Bauernhofs vor. Will wissen, was dazugehört. Und beginnt zu erzählen: wie einem jungen Bauern etwas fehlte. Wie er eine Frau fand. Wie sie Kinder bekamen – na sowas, die hießen ja genau wie wir. Wie die Kosten stiegen, Bauer und Frau nicht nachkamen, sich der Arbeit wegen auseinanderlebten. Wie die Frau ihn verließ, die Kinder mitnahm. Wie er traurig wurde, keinen Finger mehr rührte. Der Hof abbrannte. Er den Anhänger nahm, die Fächer, Schubladen, Klappkästen einbaute. Und loszog.
Ein bescheidener, eindringlicher Abend (Regie: Willy Combecher), der nicht die Kinder ab 6 beschämt. Aber viele Erwachsene.