Presse

Frankfurter Rundschau 4./5. 10.2014, Nr. 230, S. 38 Feuilleton

Bleistifte spitzen, Sternschen angeln

„3 x König“: Das Frankfurter Theater Gruene Sosse zeigt ein wortloses, dabei reizend surreales Kinderstück über drei seltsame Würdenträger.



Der pummelige rote König steht mit einer Tasse Tee im Schnee. Und als er den Teebeutel rauszieht, hängt ein Eisklumpen dran.
Der lange blaue König schreibt und schreibt und schreibt eine Papierbahn voll, bald kann man sie ums Schloss wickeln – in dem steckt übrigens eine Mikrowelle, in der man sich einen veritablen Schneemann zusammenbacken kann.
Der bebrillte gelbe König hängt am roten Telefon und hat die allerschönsten karierten Hosen. Alle drei gieren sie nach einer besonderen, weißglänzenden Krone.
Ein apartes, lustiges, surreales Stücklein für Kinder ab fünf bringt das altehrwürdige TheaterGrueneSosse nun im Frankfurter Theaterhaus auf die Bühne. Willy Combecher, Sigi Herold, Detlef Köhler sind in der Regie und nach dem Konzept von Katya Averkova „3 x König“ – Text hatten sie diesmal gar keinen zu lernen. Sie müssen nur passend brabbeln und grummeln zu pantomimischen Spintisierereien und Phantastereien.
Im Bühnenbild von Motz Tietze geht überall ein Türchen oder Fensterchen auf, werden mysteriöse Geräte auf die Bühne gerollt und blinkende Sternchen geangelt. Ein Bleistiftspitzer klebt an der Wand (und wird benützt), ein Schneemann wird zum Schlossgespenst, eine geheimnisvolle Schöne taucht im Fenster auf. Da wirft sich der pummelige rote König vor Verzücken in die Brust und möchte seine Zipfelmütze als Blumenstrauß überreichen.
Sanfte Ironie
In guter osteuropäischer Kindertheater-Tradition – Katya Averkova ist in Minsk ausgebildet, war dort Schauspielerin und Regisseurin – wird eine sanfte Ironie gepflegt, hat das Märchenhafte einen zusätzlichen Schuss Absurdität.
Zauberhaft wie eine alte Spieluhr erklingt auch die Musik dazu (Matvei Saburov, Katya Averkova). Passgenauigkeit ist hier alles, denn wo es keinen Text gibt, haben selbst kleine Geräusche ihren großen Auftritt. Und natürlich die drei Herren Könige, die herrlich gestikulieren und grimassieren.
Es ist ein feines, etwa einstündiges Stück, das auch der Erwachsenen Spaß macht. Dezente Ernsthaftigkeit ist auch darin: Streit bricht aus unter den drei Landes-Leitern, da schicken sie ihre (Schaumstoff-)Untertanen los, hauen sich gegenseitig mit Untertanen-Bündeln auf den Kopp. Die bunten Männchen müssen zuletzt mit der Schneeschippe zusammengeschoben werden, mausetot wie sie sind. Aber weil das ein Märchen ist, kann man sie recyclen.

Sylvia Staude




Frankfurter Allgemeine Zeitung, 09.10.2014, Nr. 234, S. 37

Ui, pardauz

Kinderstück: Grüne Soße spielt "Dreimal König"


Was würdest du machen, wenn du König wärst? Auf weichem Kissen schlafen, den ganzen Tag Spaß haben, alles bestimmen. Was aber, wenn da noch zwei Könige sind? Auch die wollen auf weichem Kissen schlafen, den ganzen Tag Spaß haben, alles bestimmen. Nur anders. Da gibt es Krach. Und dann: Krieg!
Im Reich der drei Könige, die das Frankfurter Theater Grüne Soße jetzt erfunden hat, ist das Kanonenfutter aus buntem Schaumgummi. So können die armen Männchen zwar durch die Luft fliegen, ein Spielball der Mächtigen wie echte Untertanen. Eine große Schippe mit weißrotem Kreuz, ein "Tatütata" und ein bisschen Zurechtzupfen aber genügen: Da stehen die Kerle wieder da wie eine Eins.
Das slapstickhafte "Tutjagarnichtweh" von Zeichentrick und Zirkus macht das Unheil wieder heil in "Dreimal König", und wie bei einem Kinderspiel wiederholt sich das immer wieder. Das ist beruhigend. Denn die jüngste Produktion, die wieder einmal alle drei Akteure der Grünen Soße, Willy Combecher, Sigi Herold und Detlef Köhler, gemeinsam auf die Bühne bringt, ist nicht mal halb so harmlos, wie sie auf den ersten Blick erscheinen mag. "Dreimal König" ist ein Stück, das die junge weißrussische Regisseurin Katya Averkova, die sie bei einem Regieworkshop der Kindertheatervereinigung Assitej kennengelernt haben, den drei Herren im besten Alter auf den Leib konzipiert hat.
Ein Kabinettstück ohne Worte, bis auf ein Phantasiegemurmel, das wie so vieles an die schönen osteuropäischen Kinderfilme der sechziger und siebziger Jahre erinnert. Dafür mit akkuraten Gesten, Mimik, Körperspannung, Timing zur treibenden, anspielungsreichen Originalmusik von Matvei Saburov. Und mit schrägen Kostümen (Averkova), die jedem der drei Herren eine Groteske andichtet: Combecher, dem Längsten, ultralange Arme und hohe Schultern, Herold, dem Kleinsten, einen kugelrunden Bauch, Köhler übergroße Füße. Sie tragen es wie ihre Pappkrönchen mit einer eigentümlichen Grazie und Grandezza - ganz offenkundig macht den Darstellern die Arbeit mit diesem jungen, so ungewöhnlichen Konzept Freude. Es ist eine theatralische Herausforderung, deren vierter König das ebenso einfache wie ausgefuchste Bühnenbild Motz Tietzes ist: Da fällt Schnee von oben, surrt ein Schalter, öffnet sich eine Klappe, bekommt ein Schneemann Beine: Der kleine Türkasten, aus dem das alles hervorquillt, ist eine Augenweide.
In Bildern und Rhythmus entsteht keine Geschichte, sondern Gedankenfutter, Assoziationen, Gefühle. Über Macht und Langeweile, Glück und Zufriedenheit. Manchmal lachen die Erwachsenen mehr als die Kinder von sechs Jahren an, für die das Stück gedacht ist. Doch auch die sind angetan von diesem wortlosen Stück: Experiment gelungen.
Eva-Maria Magel




Eine Ode an die Phantasie

Kinderstück: Grüne Soße spielt "Dreimal König"


Die Innovationskraft der freien Theaterszene im Rhein-Main-Gebiet ist im allgemeinen überschaubar. Wer abseits der großen Bühnen nach neuen Formen sucht, wird vor allem im Kinder- und Jugendtheater fündig. Das TheaterGrueneSosse ist einer der Protagonisten dieser Szene.

Wenn Schneeflocken in der Mikrowelle zu Schneebällen werden, wenn Kopfkissen schweben und Sterne geangelt werden, dann im neuen Stück „3xKönig“ des TheaterGrueneSosse. Es handelt vom Zusammenleben dreier Könige, die schon mittels ihrer karikaturesken Kostüme (Averkova) unterschiedlicher nicht sein könnten. In Stummfilmmanier bringt das Ensemble clowneskes Gezanke, Verwechslungsmomente à la Marx Brothers, erfinderische Tüfteleien und träumerische Ruhe auf die Bühne. Die präzise getaktete Choreographie wird von der vielgestaltigen Originalmusik von Matvei Saburov untermalt und getragen
Mit überzeichneter Mimik und Gestik appellieren die drei Schauspieler an die Phantasie der kleinen und auch großen Zuschauer. So formt sich der Bühnenraum vor dem inneren Auge immer neu: Wo er zunächst eine Schneelandschaft war, wird er zum nebelbehangenen See, bald zum Schlachtfeld. Fern von Realismus folgen Spiel und Bühnenbild ihren eigenen Regeln und lehren mit geschickt eingesetzten Überraschungsmomenten Jung und Alt das Staunen. Neben den vielen Slapstickmomenten mangelt es dem Stück jedoch keinesfalls an Ernsthaftigkeit.

Das TheaterGrueneSosse erbaut mit seinem neuen Stück eine Welt, in der alles möglich ist und bietet dem Zuschauer einen Raum für Assoziationen und Erinnerungen.

FAUST Kultur, Corinna Hackel




Schneemann aus der Mikrowelle

Theater Gruene Sosse zeigt "Dreimal König"


"Kuhl, kuhl", vielleicht auch "cool, cool"; Das ist der kleinste gemeinsame sprachliche Nenner der drei Könige auf der Bühne des Theaterhauses untereinander, aber auch zum Publikum. "Cool, cool" lautet ihr Morgen-, ihr Mittags- und ihr Abendgruß. Und jeder andere dazwischen, wenn sie sich rund um ihren Palast, auf den wir gleich zurückkommen wollen, begegnen.
"Cool, cool" ist zudem das Einzige, was man vom permanenten Gebrabbel dieses Trios zu verstehen
meint - wenn es denn Gebrabbel ist und nicht doch eine seltene Sprache, die so weich klingt wie Holländisch mit Schlagsahne oder wie die von Figuren in Zeichentrickfilmen. Mit "cool, cool" überschütten am Ende aber auch die Kinder die drei Königsdarsteller voller Anerkennung.
Es sind ein dicker König in einer weiten, roten Kniehose mit Hosenträgern, ein ziemlich langer König im Yves-Klein-blauen Umhang und grüner Hose, und einer mit Brille und grauem Wuschelkopp, der einen ziemlich gelben Mantel trägt.
Was die Kinder wohl berichten werden von ihren Eindrücken aus dem Stück? Eine richtige Handlung hat
die einstündige Vorstellung "Drei mal Konig" des Theaters GrueneSosse nämlich nicht. Erzählt wird -
von der weißrussischen Theatermacherin Katya Averkova erdacht und (Regie, Kostüme) umgesetzt-in
szenischen Folgen der Ablauf eines ganz gewöhnlichen Herrschertages in einer Art Königs-WG: vom frühen
Aufstehen bis zum Schlafengehen.
Den lieben langen Tag wird regiert und auf endlosen Papierschleifen dekretiert, aber auch lecker Tee getrunken, nach Sternen geangelt und gelegentlich opferreich Krieg geführt mit Schaumstoffpuppen, die sich hinterher wieder beleben lassen.
Zunächst aber kann ein jeder sehen, wie schwer es selbst einem König fällt, morgens aus den Federn zu
kommen. Und was für eine bedeutende Rolle dabei dem Schmusekopfkissen zufällt, weil es nur eines
davon gibt im Dreikönigshaus. Wer es hat, der fällt sofort mit einem zufriedenen Lächeln in den Schlaf
und kann sich somit natürlich nicht wehren, wenn es ihm von den anderen wiederabgenommen wird.
Das Königshaus aber ist die eigentliche Attraktion (Bühne: Moritz Tietze) des Stücks. Es lässt weniger
an ein Schloss denken als an eine Art Villa Kunterbunt oder gar, wegen der vielen Türchen und Fenster,
die man nach und nach entdeckt, an ein Adventskalender-Haus. Eines der Fenster entpuppt sich sogar
als die Klappe einer Mikrowelle, in der man aus ein paar Schneeflocken fette weiße Bälle für einen
Schneemann gewinnen kann. Das gibt’s doch gar nicht? Gibt es aber doch! Und noch viel mehr in diesem
wirklich phantasievollen Spiel voll wechselnder Bilder, der den drei sich ständig bewegenden Königen
Willy Combecher, Sigi Herold und Detlef Köhler sehr genaues Spiel und exaktes Timing abverlangt. Cool, cool.
Winnie Geipert strandgut 03/2015