Frankfurter Allgemeine Zeitung, 18.09.2008, Nr. 219, S. 52

Das Pferd als Kartoffel "Kleiner Klaus, großer Klaus" im Theaterhaus Frankfurt

Früher waren alle Großmütter böse und die Menschen gierig und gemein: Das behauptet zumindest die Mutter, die ihren Kindern eine Geschichte aus längst vergangenen Zeiten zu erzählen weiß. Es ist die Geschichte von zwei Männern namens Klaus, die im selben Dorf lebten. Der eine besaß drei Pferde und der andere nur eins. Um die beiden zu unterscheiden, nannten die Dorfbewohner den mit den drei Pferden den großen und den anderen den kleinen Klaus.

Wie aber der kleine Klaus, dessen einziges Pferd der große Klaus nach einer Auseinandersetzung erschlägt, aus seinem Unglück das Beste macht und am Ende sogar noch mehr hat als der große Klaus, das wird in dem Stück "Kleiner Klaus, großer Klaus" des Theaters Grüne Soße unter Regie von Taki Papaconstantinou wunderbar humorvoll und gut verständlich auf die Theaterhaus-Bühne gebracht. Denn die Handlung nach dem Märchen von Andersen ist für Kinder von sechs Jahren an eigentlich reichlich kompliziert: Immer wieder nämlich gelingt es dem kleinen Klaus, andere listenreich an der Nase herumzuführen, etwa indem er erfindet, einen Zauberer in seiner Tasche zu haben, oder behauptet, unter Wasser einer Seejungfrau begegnet zu sein. Und weil es Sigi Herold in der Rolle des kleinen Klaus so gut versteht, seinen Helden nicht nur gerissen, sondern auch äußerst liebenswert darzustellen, hat er die jungen Zuschauer sogleich auf seiner Seite.
Wenige Requisiten sind erforderlich, um das Märchen spannend zu erzählen. Tisch und Stühle repräsentieren nicht nur ein Wohnzimmer, sondern auch den nächtlichen Wald, und eine Kartoffel dient als Pferd des kleinen Klaus, die der große wütend entzweischlägt. Alexandre Bytchkov am Akkordeon verleiht aufregenden Situationen noch mehr Dramatik, und Friederike Schreiber fasziniert als buckelige, böse vor sich hin brabbelnde Großmutter ebenso wie Willy Combecher als wütender großer Klaus.

Dass in der Inszenierung nicht nur Pferde, sondern auch Großmütter, schöne Hirtinnen und am Ende der große Klaus ermordet werden, wirkt nie grausam, weil die Schauspieler immer wieder auf die Spielsituation hinweisen. Sie bringen die Kinder dazu, sich begeistert am Spiel zu beteiligen, Fragen zu stellen, dazwischenzurufen und wie Pferde mit den Füßen zu trampeln. Zum Glück sind auch die Großmütter heute nicht mehr so böse wie einst. Auf die Frage, wie viel eine Oma heute kosten würde, stellt ein Kind energisch fest: "Sie ist unbezahlbar."




FRANKFURTER RUNDSCHAU, 15.09.2008
Die gespaltene Kartoffel "Kleiner Klaus und Großer Klaus"

Die erste Warnung hat der Kleine Klaus einfach ignoriert. Ausgelassen reitet er mit seinem Pferd und den beiden vom Großen Klaus übers Land, immer lustvoller feuert er sie an: "Hü, alle meine Pferde!" Doch jäh endet der heitere Ton. Das Akkordeon, das eben noch mit seiner Musik das Tempo angetrieben hat, ist plötzlich still. Der Große Klaus (Willy Combecher) tritt auf, verbietet dem anderen die sorglose Sprache. Niemals darf er mehr "meine" Pferde sagen, denn ihm gehört nur eins.

Wie Allzumenschliches tragisch endet hat Hans Christian Andersen in seiner subtilen Märchenwelt vielfach beschrieben. Das Frankfurter Theater Grüne Sosse hat jetzt in der Regie von Taki Papaconstantinou dessen Märchen vom Kleinen und vom Großen Klaus über Habgier, Macht und so genannte Bauernschläue in ansprechenden Bildern inszeniert.

Um den Küchentisch herum jagen sich jedoch nicht zwei, sondern drei Männer namens Klaus die selbst geschnitzten Holzpferdchen ab. Diese dritte, dem Märchen hinzu gedichtete Klaus-Figur, die zusammen mit der Großmutter (Friederike Schreiber) auch die Erzählerrolle übernimmt, steht nur scheinbar am Rand des Geschehens.

Mit seinem Akkordeon, das der aus St. Petersburg stammende Musiker Alexandre Bytchkov virtuos einsetzt, bestimmt er die Dynamik des Geschehens.
In kurzen, akzentuierten Szenenwechseln geht es, von der hinterhältigen Schläue des kleinen und der Habgier des großen Klaus angetrieben, unaufhaltsam der tragischen Zuspitzung entgegen. Der Kleine Klaus (überzeugend: Sigi Herold), wird bei der nächsten Sonntagsfahrt doch wieder ausgelassen "Hü, alle meine Pferde" rufen und muss darauf hin zu sehen, wie der andere sein Pferd tötet. Diese Szenen, in denen Andersen menschliche Härte rückhaltlos offen legt, sind in der für Zuschauer ab sechs Jahren gestalteten Inszenierung geschickt angedeutet.

In diesen Momenten bewährt sich die klare Symbolik, die Taki Papaconstantinou, Gründer des Schweizer Theater Katerland, in seiner sorgfältig durchkomponierten Inszenierung einsetzt. Die Kartoffel, die zu Beginn noch im unbefangenen Rollenspiel zum gejagten Pferdchen wurde, wird später von der Axt des Großen Klaus auf dem Küchentisch gespalten.

Zum Bilderreichtum, der schon in Papaconstantinous "Plumpsack"-Inszenierung für das Theater Grüne Sosse auffiel, kommt hier eine gelöste Lebendigkeit. von Andrea Pollmeier




Rhein-Main.Net-Kritik
Klein kommt ganz groß raus

Es ist eigentlich ein besonders brutales Märchen, das sich das «Theater Grüne Sosse» für seine aktuelle Kindertheaterproduktion ausgesucht hat. Immerhin gibt es im Laufe des Stückes erschlagene Pferde und Großmütter und es darf als die große Kunst der Theaterleute und ihres Regisseurs Taki Papaconstantinou angesehen werden, dass das Märchen trotzdem für sein Zielpublikum (2.–5. Klasse) äußerst witzig und charmant auf die Bühne gebracht wird, ohne dass dieses dann zuhause Alpträume bekommt. Dabei kommt die «Grüne Sosse» mit besonders wenigen Requisiten aus (dieses Mal im Wesentlichen vier Stühle, ein Tisch, ein Schrank, mehrere Kartoffeln sowie drei kleine Holzpferde), geht damit aber derart fantasievoll um, dass es auch den Kleinsten im Publikum nicht schwerfällt, zwei Schauspieler mit einem Zweig in der Hand als Gestrüpp zu erkennen oder einen Tisch, auf den die Darsteller klettern, als Gebirge.

Die drei stets um liebevolle Einbeziehung der Zuschauer bemühten Schauspieler werden durch einen Akkordeonspieler (Alexandre Bytchkov) unterstützt, der auch schon mal (scheinbar spontan) zum Spielen einer Nebenrolle aktiviert wird. Das Akkordeon gibt der Aufführung einen ganz erheblichen zusätzlichen Reiz, gibt den Rhythmus vieler Szenen vor und ist zugleich stimmungsvolle Untermalung des Geschehens.

Friederike Schreiber spielt die tote Großmutter fast noch überzeugender als die lebendige. Sogar in der Szene, in der immerhin einer älteren Dame sehr unsanft das Lebenslicht ausgeblasen wird, ist viel Humor mit im Spiel, wenn die Tote noch einmal kurz ins Reich der Lebenden zurückkehrt, um ihren Enkel wegen seines dummen Geschwätzes zu ermahnen. Der kleine Klaus (Sigi Herold) ist aber der unumstrittene Sympathieträger der Kinder, muss er doch arg viel Böses vom großen Klaus (Willy Combecher) erdulden, denn dieser hat schließlich drei Pferde und er selbst nur eines. Aber mit viel Geschick schafft er es, dem scheinbar Überlegenen einen Streich nach dem anderen zu spielen, indem er dessen Raffgier und Stolz gezielt ausnützt, bis er ihn letztlich ganz besiegt hat (ja, auch an dieser Stelle gibt es einen Toten). So wird dem jungen Publikum ganz nebenbei die positive Botschaft vermittelt, dass man es auch gegen noch so fiese und große Gegner schaffen und man aus der Not wie im Sprichwort eine Tugend machen kann.

Es gibt vieles zu entdecken in diesem sehr verspielten Kindertheater, in dem die Darsteller auch mal untereinander die Rollen tauschen wollen («Darf ich jetzt mal den kleinen Klaus spielen?»). Auch für die Erwachsenen im Publikum gibt es einige nette Anspielungen und Wortspielereien (wenn der Küster küsst, wird es sogar fast ein wenig freizügig), sodass für alle Altersgruppen beste Unterhaltung geboten wird.
Von Achim Weiß




Main Spitze
Von Mitmenschen unterdrückt

Dass sich die Vorstellung im Kindertheaterprogramm des Rüsselsheimer Stadttheaters am Sonntag trotz Märchengeschichte nicht an die ganz jungen Besucher richtete, war alles andere als ein Fehler. Denn die Produktion des Frankfurter "Theaters Grüne Soße" widmete sich einer Geschichte, die zwar in märchenhaftem Setting daherkommt, sich von den klassischen und wohlbekannten Volksmärchen Grimmscher Prägung aber deutlich abhebt. "Großer Klaus, kleiner Klaus" lautete der Titel der "Grüne Soße"-Bearbeitung einer Geschichte von Hans Christian Andersen, die mit vielen Zwischentönen und unterhaltsamer Verschrobenheit daherkam.

In eine Rahmenhandlung eingebettet und um einen dritten Klaus erweitert hatte das Frankfurter Ensemble das dänische Kunstmärchen. In die Kerngeschichte griff der neue Mann (Alexandre Bytchkov) allerdings kaum ein, sondern übernahm einen Teil der Erzählerrolle und sorgte mit meisterhaftem Akkordeonspiel für eine begeisternd atmosphärische musikalische Stückbegleitung.

Der Bezug zwischen Märchen und der Lebenswelt der Kinder wurde, auch mit Blick auf die derbe Handlung, in der Rahmengeschichte abgehandelt.


"In eine Zeit, in der Großmütter noch böse waren und die Menschen gierig und gemein" nahm Erzählerin Friederike Schreiber die Kinder mit, nicht ohne zu erwähnen, dass Großmütter heutzutage natürlich keine so schrecklichen Wesen mehr sind.

Die Märchengeschichte selbst war wie in Andersens Vorlage in mehrere Episoden aufgeteilt, in denen der kleine Klaus (Sigi Herold), von seinen Mitmenschen unterdrückt, verhöhnt und ausgebeutet zum Gegenschlag ansetzt. Mit fatalistischem Humor und einer gehörigen Portion Verschlagenheit nutzt der Habenichts die Schwächen seiner Unterdrücker aus und schlägt aus deren Verfehlungen Kapital.

Ganz "Grüne Soße", wurde die Geschichte mit wenig Kulisse, aber viel Engagement und Phantasie umgesetzt und mit begeisterndem Spiel zum Leben erweckt. Dabei kam ein zielsicherer Wortwitz ebenso zum Tragen, wie die dosiert-dynamische Spielweise der Protagonisten die vielfältigen Zwischentöne der Handlung nach vorne treten ließ.

13.04.2010 - RÜSSELSHEIM von André Domes