Pressestimmen



Zum 15-jährigen Jubiläum (2014)


Frankfurter Rundschau: Freiraum für Gedanken und Gefühle

Das Junge Ensemble des Frankfurter Theaters Grüne Soße wird fünfzehn Jahre alt und feiert mit vielen Stücken

Was Heimat alles sein kann: eine warme Jacke, ein Ort, ein Geruch. Eine Last. Darüber haben die jungen Leute im Alter zwischen 19 und 26 Jahren seit dem vergangenen Sommer gemeinsam nachgedacht. "Jetzt sind wir eher bei der Frage, wie man sich aus der Heimat herausentwickelt", sagt Esther Schneider. Das ist schon am Titel abzulesen - "Out of Heimat" heißt die jüngste Produktion des Jungen Ensembles des Frankfurter Theaters Grüne Soße. Damit feiert das Jugendprojekt des Kinder- und Jugendtheaters sein fünfzehnjähriges Bestehen. Mit der Premiere beginnt morgen eine kleine Festwoche im Theaterhaus Frankfurt, dem angestammten Spielsitz.

Zum Feiern gibt es Grund genug, denn das Jugendprojekt, mit dem die 1981 gegründete Grüne Soße gewissermaßen eine Lücke schließen wollte, hat eine ganz eigene Erfolgsgeschichte geschrieben. Vor drei Jahren ist es für sein selbstverfasstes und -gespieltes Stück "Testosteron" über Jungs in der Pubertät sogar mit dem Karfunkel-Kindertheaterpreis der Stadt ausgezeichnet worden. "Testosteron" wird auch während der Festtage im Theaterhaus wieder zu sehen sein, die Ursprungsbesetzung spielt es immer noch bei Festivals, in Jugendtheatern landauf und landab und auch im Ausland. Dass Stücke des Ensembles so lange im Repertoire und so gut nachgefragt sind, ist ungewöhnlich, schließlich werden sie von jungen, nicht professionellen Darstellern getragen.

Vor 15 Jahren hatten zwei der drei Grüne-Soße-Gründer, Sigi Herold und Willy Combecher, auf die vielen Anfragen reagiert, die sie von Jugendlichen bei den Gesprächen nach den Vorstellungen immer wieder erreichten. Seither kann man mitmachen bei der Grünen Soße. Und die Profispieler Herold, Combecher und Detlef Köhler, die einst im Geiste des emanzipativen Jugendtheaters begonnen haben, konzentrieren sich auf das Kindertheater. Jugendliche spielten dort auch mit, dann kam ein erstes Stück, damals noch mit Textvorlage. "Jedes Jahr haben wir eine Produktion gemacht, immer eigene Themen und Stückentwicklungen, wir haben uns auch weiterqualifiziert", sagt Combecher, der bei allen Arbeiten Regie führt.
Dann kam der Name "Junges Ensemble", "denn die Jugendlichen, die zwei, drei Jahre dabei waren, hatten ein Bedürfnis, zum Theater zu gehören". Mit "Testosteron" habe es dann einen qualitativen Sprung gegeben, erinnert er sich: "Da haben wir gemerkt, jetzt kommt auch Anerkennung für die Arbeit. Vor allem für die Form, die wir gefunden haben."
Fast alle Sprünge hat der 26 Jahre alte Karl Kiesel mitgemacht, der an der Frankfurter Goethe-Universität studiert und mit "Out of Heimat" schon in der vierten Produktion auf der Bühne steht. Mit "Testosteron" kamen durch die Mitarbeit der Tanzpädagogin Wiebke Dröge Tanz und Bewegung in die Stücke, was auch bei "Out of Heimat" wieder so sein wird.
Weit mehr als die drei bis fünf Darsteller arbeiten im Jungen Ensemble mit, hinter den Kulissen, aber auch in den gemeinsamen Diskussionen, Schreibwerkstätten und beim Zusammenstellen der endgültigen Texte. Der 25 Jahre alte Ossian Hain etwa, der ebenfalls in "Testosteron" spielt und schon da "viel Text geschrieben" hat. Er hat seine Liebe zur Dramaturgie entdeckt: "Ich mag es, an der Struktur herumzubasteln", sagt er. Seit "Display", der Produktion des Vorjahres, ist er der Dramaturg der Gruppe: "Da hat sich nochmals viel verändert", sagt er, und Combecher stimmt zu.

Seit geraumer Zeit ist er allein für das Junge Ensemble zuständig, während Köhler eine Kindergruppe leitet und Herold derzeit einen Jugendclub aufbaut, um die Lücke dazwischen zu schließen. Denn im Jungen Ensemble spielen junge Erwachsene, die meisten studieren in Frankfurt oder der Region und verwenden einen großen Teil ihrer Freizeit auf die Theatergruppe. "Es ist eine klare Prioritätensetzung", sagt Esther Schneider, "der Sommerurlaub sind eben sechs Wochen Proben. Dafür entscheidet man sich." Viele ihrer Kommilitonen, sagt die Psychologiestudentin, stressten sich und fragten jetzt schon nach ihren Karrierechancen. Ihr tue es gut, sich Zeit zu nehmen.

Das kann Marco Göller, 25 Jahre alt, nur bestätigen, der, angeregt durch seine Freunde Kiesel und Hain, nun auch zum Jungen Ensemble gestoßen ist. Er hat schon zuvor Theater gespielt und ist von dem freien, kreativen Konzept begeistert. Jetzt ist er mit dem Studium fertig - "da stellt sich schon die Frage, ob man so etwas wiederfindet", sagt er. Dass das, was sie bei der Grünen Soße spielen, viel näher an ihr selbst sei, hat auch Milena Kan erfahren. Sie weiß zu schätzen, dass das gemeinsame Nachdenken, Schreiben und Ausprobieren vor dem fertigen Auftritt stehen: "Früher habe ich nur Rollen gespielt", sagt die 20 Jahre alte Studentin der Theater-, Film- und Medienwissenschaften. "Ich denke, dass es echter ist, greifbarer, was wir spielen", sagt Kiesel. An eine Zielgruppe, ihre eigene Generation gar, dächten sie nicht bei der Arbeit, sagt Hain, auch wenn sie mit vielen redeten und deren Gedanken einbrächten: "Es kommt null pädagogisch rüber."

EVA-MARIA MAGEL



www.faustkultur.de - Theater ohne Netz

Schon der Startschuss klingt anders. Ensemble-Spieler durchlaufen kein casting, sie müssen nicht wie anderswo üblich vor Beginn zeigen, wie viel Können bereits vorhanden ist. Bei Schul- und Stadttheaterprojekten ist das oft anders. Wenn ein Projekt ausgeschrieben wird, gibt es eine Art run auf das Angebot. Ausgewählt wird, wer sich gut bewegt oder gut sprechen kann.

Während es bei Schul- oder Jugendclubprojekten also meist um Talente geht, die man benötigt, um im Regietheater der Erwachsenenwelt zu bestehen, setzt das Junge Ensemble des TheaterGrueneSosse einen anderen Akzent: Hier steht die Ensemble-Arbeit im Vordergrund, Ziel ist es, die Persönlichkeit der Spieler zu aktivieren und sie mit ihren Stärken und Schwächen in das Projekt zu integrieren: „Schwächen werden zu Stärken gemacht“, sagt Willy Combecher, „so entstehen meiner Meinung nach meist die interessanteren Produktionen.“

Die Ensemble-Auswahl erfolgt auf dem Weg der Selbstauslese. Schon bei den ersten Proben spüren einige, dass die autobiografisch geprägt Arbeit zu dicht an sie heranrückt und sie ziehen sich zurück. So entsteht eine Kerngruppe, die weiter macht. „Wenn es gut läuft, entsteht eine Atmosphäre des Sich-aufeinander-Einlassens, die ermöglich, dass interessante Themen zum Vorschein kommen, die theatral zu bearbeiten sich lohnen“, erklärt Willy Combecher, der selbst Familienvater ist.

Um diese Nähe herzustellen, probt die Gruppe über mehrere Wochen intensiv, kocht im Wechsel für einander und verbringt Wochenenden zusammen. In dieser Phase entsteht der inhaltliche Leitfaden des zu erarbeitenden Stücks.“Wir können nur mit dem arbeiten, was in uns vorhanden ist“, betont Willy Combecher. Darum nahm beispielsweise das Stück Out of Heimat: eine ganz andere Wendung, als dies vor dem Hintergrund der öffentlichen Diskussion über Migration und Integration zu erwarten war. Denn auf die Frage: „Wann hast Du zum ersten Mal Deine Heimat verlassen?“ kam als Antwort eine Geschichte aus einer Kindertagesstätte. Von diesem Punkt aus wird nun in dieser Ensemble-Gruppe, in der kein Mitglied bisher Migration erlebt hat, die Produktion weitergeführt. Ein Stück mit vor kurzem geflüchteten Akteuren hätte wohl eine völlig andere Richtung genommen.

Das Beispiel zeigt, wie stark die Theaterarbeit des Jungen Ensembles mit autobiographischen Inhalten verknüpft ist. Intuitiv finden Inhalt und körpersprachlicher Ausdruck zueinander. Um diese Einheit wird jedoch wochenlang gerungen. „Über jede Szene haben wir uns lange den Kopf zermartert, hinter jeder einzelnen stehen bestimmt zwei Varianten, die geschmissen wurden“, erzählt der Dramaturg des Stücks, Ossian Hain. Denn erst, wenn alle Spieler eine Szene innerlich mittragen, ist klar, dass sie passt und zum festen Baustein der Produktion werden kann.

Diese Art, Theater zu machen, ist mit einem hohen Risiko verbunden und braucht tiefe Gelassenheit und ein enormes Maß Erfahrung. Lange ist der gesamte Handlungsfaden eines Stücks nicht klar, da er sich am Erfahrungspotenzial der Spieler entlang entwickelt und wie beim Brückenbau nur allmählich zum anderen Ufer, dem Zuschauer, hinüberwächst. Einzelne Fragmente, die zu stimmigen Szenen ausgearbeitet wurden, stehen lange Zeit als fertige Bauteile unverbunden nebeneinander.
„Die Gefahr bei der Eigenentwicklung ist“, so Combecher, „dass man schöne Szenen hat, diese aber noch kein Gesamtkunstwerk ergeben. Mal fehlt der dramaturgische Faden, mal ist es so stockend gespielt, dass man die Verbindung zwischen 1-2-3 und 4 nicht sieht. Die größte Schwierigkeit ist es dann, dass das gewisse Etwas hereinkommt und man spürt, was uns vorschwebt ist sichtbar geworden und eine stimmige Geschichte entstanden.“

In dieser Hinsicht hat es das Regietheater einfacher. Wenn man ein Stück mit einer starken Geschichte hat, ist der Faden schon gegeben und die Geschichte trägt, selbst wenn sie schlecht gespielt wird. Doch ist, so Combecher, dieser Weg in der Zusammenarbeit mit Jugendlichen für ihn nicht interessant: „Wir können nicht so tun, als ob wir mit gnadenlos gut ausgebildeten Schauspielern arbeiten würden, das sind sie nicht und so komme ich mit ihnen nicht daher.
Sie müssen sich annehmen, wie sie sind, dann sind sie immer authentisch und haben zugleich die Freiheit, nicht perfekt zu sein. In diesem Sinne macht das Junge Ensemble eher Performance als klassisches Theater, das können sie auch besser.“ So darf auf der Bühne ruhig mal ein Missgeschick passieren, manchmal werden diese kleinen Zeichen des Nicht-Perfekten dann sogar bewusst in den Ablauf übernommen.

Überdruss durch gleichbleibende Routine ist auf diesem Theaterweg wohl eine geringere Gefahr. Um diesem Risiko dennoch vorzubeugen, motiviert Willy Combecher Ensemble- Spieler, langfristig im Team zu bleiben und auch leitende Aufgaben zu übernehmen. Sie wirken als ergänzende Input-Geber, die einen nüchternen Außenblick bewahren. So kam beispielsweise Ossian Hain, der an der Frankfurter Universität Theater-, Film- und Medienwissenschaften, sowie Germanistik und Philosophie studiert, als Teampartner an seine Seite. Hain hat bei dem größten Erfolgsstück des Ensembles Testosteron 2011 als Laienspieler mitgewirkt. Bis heute wurde das Stück bereits mehr als 70 Mal auf Schul- und Festivalbühnen gezeigt. Hain blieb dem Ensemble verbunden und entwickelte für Out of Heimat aus den fragmentarischen Szenen der Spieler einen Theatertext, zugleich wacht er über die Gesamtdramaturgie des Stücks. Für Testosteron und dem durch Fußballfotos inspirierten Stück Display wirkte als außenstehende Input-Geberin die Choreografin und Tänzerin Wiebke Dröge mit.

Reibungsflächen zwischen allen beteiligten Akteuren prägen meist produktiv den Ablauf der Produktion. Entscheidend ist es, den Punkt zu erreichen, an dem jeder Spieler auf der Bühne in jedem Moment bei sich ist und weiß, warum er diese oder jene Bewegung auf der Bühne ausführt. Dieser je eigene Zugang zur Rolle ist, so Willy Combecher, hart erkämpft. „Anfangs stehen die Spieler auf der Bühne und fragen: „Was soll ich tun?“ Dann fragen wir zurück, „Was tust du?“ Niemand darf auf der Bühne auch nur einen Moment lang herum stehen und nicht wissen, welche Idee ihn führt.“

Bewegung, Stimme, Musik, Tanz, Intuition, authentische Präsenz und die Freiheit der Nichtperfektion sind Ingredienzen, die zum Besonderen der Jungen Ensemble-Inszenierungen beitragen. Dafür gab es bereits öffentliche Anerkennung. Für Testosteron erhielt das Ensemble 2011 den Kinder- und Jugendtheaterpreis Karfunkel, außerdem wurde es mit der Produktion, die die Gefühlswelt von Jungen in der Pubertät zum Thema hat und äußerst frei über das erste Abspritzen, Verliebt-Sein und die Angst vor Versagen, Abweisung und Konkurrenz erzählt, zum Bundestreffen Junges Theater nach Berlin eingeladen.

Immer, wenn Situationen besonders emotional wirken und mit autobiographischen Erlebnissen verknüpft sind, besteht gerade bei Laienspielern die Gefahr, dass sie sich auf der Bühne bloß gestellt fühlen. „Bei elementaren Erlebnissen als Kind oder Gewalterfahrungen nehmen ich das immer von der Person weg“, betont Combecher. „Wir machen kein Psychodrama.“ Weniger traumatische Erlebnisse kann man jedoch mit Hilfe ästhetischer Mittel auf Distanz halten. Im Text werden in solchen Fällen, so Ossian Hain, bewusst Pausen oder Auslassungen eingebaut. „Die Erzählung ist dann so formalisiert, dass der Spieler seine Stärke zurück gewinnt und mit der Situation souverän umgehen kann.“

Wer sich über ein Jahr hinweg mit seiner ganzen Person intensiv im Team behaupten muss, wird Grenzerfahrungen erleben, die auch jenseits der Bühnenwelt wirksam werden. Die Frage, ob Willy Combecher in der Theaterarbeit mit Jugendlichen vor allem ihre Persönlichkeit fördern möchte, wehrt der Profischauspieler entschieden ab: „Ich begreife mich als Theatermacher und nicht als Sozialarbeiter. Mein Hauptaugenmerk ist das Publikum, wenn das Werk da ankommt, hat auch die Gruppenarbeit gestimmt.“

ANDREA POLLMEIER






Zu "Out of Heimat" (2013)

Erinnerungen an den blauen Elefanten
Stadttheater – Junges Ensembles des Theaters Grüne Soße zeigt das Stück „Out of Heimat“ auf der Hinterbühne


Mit dem Thema Heimat setzten sich fünf Studenten des Theaters Grüne Soße unter Regie von Willy Cornbecher und Dramaturgie von Ossian Hain im Stadttheater szenisch auseinander.  Foto: Frank Möllenberg
Mit dem Thema Heimat setzten sich fünf Studenten des Theaters Grüne Soße unter Regie von Willy Cornbecher und Dramaturgie von Ossian Hain im Stadttheater szenisch auseinander.  Foto: Frank Möllenberg
In Kooperation von Theater und Schule gab es während der Interkulturellen Woche eine Inszenierung des Jungen Ensembles vom Theater Grüne Soße. „Out of Heimat“ konfrontierte Achtklässler mit Fragen um Erinnerung und Verantwortung.

Theater als spannenden Bereich des Lernens und Lehrens zu nutzen, ist wertvoller Teil der Kulturarbeit. Ralf Keil, bei Kultur123 zuständig für das Theaterprogramm junger Zuschauer in Kooperation mit Schule, hatte am Dienstag das Junge Ensemble vom Frankfurter Theater Grüne Soße auf die Hinterbühne des Stadttheaters geholt. Sämtliche Achtklässler der Max-Planck-Schule drängten hinauf in den Saal zur Inszenierung „Out of Heimat“.

In den Stuhlreihen nahmen die Schüler, die – wiewohl überwiegend in Rüsselsheim geboren – aus rund einem Dutzend kulturell unterschiedlicher Herkunftsfamilien stammen, plaudernd Platz, freuten sich an der Unterrichtspause durch Theaterbesuch.

Gefragt, ob im Vorfeld eine Auseinandersetzung mit dem Thema Heimat stattgefunden habe, verneinten die Ethiklehrer. „Doch es wird intensive Nachbereitung geben.“ Max-Planck-Schüler Alexis (13), dessen Familie aus Griechenland kommt, hatte sich indes bereits damit beschäftigt. „Heimat ist dort, wo ich mich wohlfühle, wo ich nicht diskriminiert werde“, sagte er spontan. Und benannte seinen Zwiespalt als Teenager zwischen den Kulturen: „Wohler fühle ich mich in Griechenland, wo ich jedes Jahr einige Wochen bin. Leben werde ich wohl immer in Deutschland, weil alles organisierter ist.“

Dann aber richteten sich die Blicke auf die Saalbühne, wo sich fünf Studenten unter Regie von Willy Cornbecher und Dramaturgie von Ossian Hain des Themas Heimat und ihres Verlustes annahmen.

Ein Vorzug von Theater ist, dass Worte von allen Seiten mit Leben gefüllt werden: Durch Stimme, Gestik, Mimik. Und auch das Schweigen ist beredt: Da steht einer mit ratloser Miene, da steht einer gebückt unter Sorgenlast oder nimmt auf seinem Roller elanvoll Schwung auf. Nicht zu vergessen, die Musik. All diese Facetten nutzten die jungen Schauspieler, um Gedanken, Impulse und Gefühle in Szene zu setzen, auf die sie selbst während der Proben zum Stück stießen: Heimat ist ein schwer greifbares Konstrukt. In szenischem Spiel wurde Erinnerung angetippt, die einst wohlige oder schmerzliche Verbundenheit bedeutete. Ein Dazugehören, das Sicherheit gab.

„Ich war der blaue Elefant und trötete ich laut“, sagte einer der Darsteller in Erinnerung an den Kindergarten. Im Saal gab’s Lachen – dass man klein war und Mama einem treu abholte und nach Hause brachte – oder auch, dass Mama auf sich warten ließ – sind Gefühle, die jeder kennt. Was aber nutzt Sehnsucht, wenn der Raum um uns und wir selbst inmitten des Raums längst gealtert sind? Unwiederbringliches wurde per Fotografien, die über die Leinwand huschten, sichtbar gemacht wie fliehende Schatten. Nachgespielt wurde auch der Zwist mit dem größeren Bruder, neben dem man selbst als „kleiner Piller“ stand. Hassliebe zu dem, der immer einen Schritt voraus und doch steter Gefährte der ersten Lebensjahre war, wurde laut. Streit. Das Requisit der Pudelmütze wärmte noch einmal den Kopf.

Schnitt, Erkenntnis: „Je näher du der Heimat kommst, desto weiter ist sie weg.“ Mit Rap, mit flapsigem Jargon („alles futsch, alles futschikato“), mit gestischer Übersetzung der Worte („Damals, als ich kaum über die Tischkante schauen konnte“) bewegten sich die Darsteller ins Heute voran. „Ich bin auf einer Reise von dort, wo ich herkam an den Ort, an dem ich jetzt bin.“ Schattenhafte Gitterstäbe überlagern die Erinnerung, kasteln den ein, der in ihr verharrt. „Warum holt Mama mich nicht ab?“ Antwort: „Es wird dich niemand abholen. Worauf wartest du noch?“ Mit Rollern nahmen die Schauspieler Fahrt auf, Erinnerung im Gepäck: „Out of Heimat“ weist Chancen und Nöte der Freiheit sowie Eigenverantwortlichkeit auf. Applaus folgte.

Fragen der Schüler machten deutlich, dass die Inszenierung als ein Mix dichter, lebhafter Szenen vieles antippte, aber auch Fragen offenließ. Und sogar Neue auf den Plan rief. Doch inspirierend war das allemal.




zu "Du bzw. Ich" (2002)

Frankfurter Rundschau - Immer die Anderen

Jugendclub Gruene Sosse zeigt "Du bzw. Ich" im Theaterhaus Von Jutta Baier Wie viel leichter wäre das Leben, wenn es nur lauter Ichs gäbe und nicht auch diese bockigen Dus, die immer etwas Anderes wollen, komische Ansichten haben und überhaupt unfähig sind, das Ich so zu sehen, wie es gesehen werden möchte. Das Du als permanente Reibungsfläche, das ist das Thema der auf eigenen Erfahrungen und eigenen Texten beruhenden Szenenfolge, die der Jugendclub Gruene Sosse nun im Theaterhaus vorstellt.Immer paarweise treten die Akteure vor (sechs sind es insgesamt) und spielen die alltäglichen Missverständnisse zwischen Du bzw. Ich (so der Titel) an; vom Kleinen und Kleinsten gehen sie aus, etwa wenn ein Vater den klebrigen Bonbon, den das Töchterchen ihm in die Hand drückt, eklig findet, arbeiten sich dann aber bald zu den gravierenderen Schieflagen zwischen Eltern und Kindern sowie der Eltern untereinander vor, die wiederum das Modell für Paarbeziehungen generell abgeben und die breiten Raum einnehmen.

Der Regisseur Willy Combecher sorgt dabei mit Slapstick-Song- und Revueeinlagen dafür, dass sich kein larmoyanter Ton einschleicht, doch ist der inhaltliche Ansatz immer derselbe:
Die Wünsche und Bedürfnisse, die der Eine hat, mal nach Geborgenheit, mal nach Freiheit, mal nach Beachtung, mal einfach auch nur nach mehr Geld, werden vom Anderen, der stets den Part des Kontrahenten spielt, entweder nicht wahrgenommen oder auch geradewegs abgelehnt. Dummerweise hat das Du selber Wünsche und Gefühle und braucht ausgerechnet in dem Augenblick, in dem das Ich sich nähert, seine Ruhe.So sind die Beziehungen in dem Stück vor allem eine Quelle der Frustration, Enttäuschung und Verbitterung; das Du als Korrektiv und als unentbehrliche Instanz beim Prozess der Identitätsfindung kommt nicht vor - wie überhaupt Differenzierung nicht die Sache des Laienensembles ist.

Es baut ganz auf seine eigenen, schmalen Erfahrungen, es will nicht belehren noch zum Nachdenken bringen, sondern bloß bei seinem überwiegend gleichaltrigen Publikum Aha- und Wiedererkennungseffekte auslösen. Was in der Premiere gelang, der Applaus war stürmisch, die Jugendlichen sind anscheinend auf ihre Kosten gekommen.

Copyright © Frankfurter Rundschau 2002
Erscheinungsdatum 14.10.2




Zu Muffensausen (2001)

Frankfurter Rundschau
Dieser Zischlaut

Jugendliche Laien spielen ihr "Muffensausen" im Theaterhaus
Sie tragen alle rot, rot wie die Liebe, wie die Aggression und vielleicht noch rot wie die Feuerwehr. Manchmal nämlich muss man sie schützen und retten, am Anfang aber sind sie kess, werfen Kusshände ins Publikum und schneiden Gesichter, die besagen: Pah, ihr könnt uns mal, wir sind die Stärksten.

Dann aber zersetzt sich das Gruppenbild, aus dem Aufmarsch wird ein verzagtes Schlingern, und das Wort, das zuerst wie ein Zischlaut klingt und dann im Raum hängen bleibt, heißt Angst. Woher kommt sie, wie sieht sie aus und warum haben wir überhaupt Angst? Das ist das Thema, das Willi Combecher vom Theater Gruene Sosse-Jugendclub zusammen mit zehn Jugendlichen zu einer revueartigen Szenenfolge verarbeitet hat. Es werden teils literarische Texte, etwa von Sybille Berg, Erich Kästner oder Franz Kafka verwendet und teils selbst verfasste, denn die Jugendlichen spielen nicht Rollen, sondern sie bringen ihre eigenen Nöte, Fragen und Befindlichkeiten zum Ausdruck. Mut bedeutet es schon, gegen den Zeitgeist der Coolness überhaupt zuzugeben, dass es so etwas gibt wie Angst und dass man sie selbst hat und doch dazu gehört - nicht etwa ein Außenseiter ist, der die Kurve einfach nicht kriegt.
Beschrieben wird in der Revue ein Ist-Zustand. Jedes neue der rasch wechselnden Bilder spielt auf eine der Angstquellen an, und sie sind zahllos, das Muffensausen, so der Titel, kommt von allen Seiten, von innen und von außen; man hat Angst vor dem Leben, Angst vor der Clique, Angst vorm Versagen, Angst vor Konkurrenz und Angst vorm Alleinsein - kurz, die Angst ist ein Gefühl, das vom Leben produziert wird, man muss sich nur damit auseinandersetzen, es nicht verdrängen.

In der Revue geschieht das auf vielen Ebenen und in vielen Tonlagen, doch nie greinend, sondern eher offensiv und parodistisch. Nicht jede Szene glückt dabei, Tanzeinlagen sehen auch mal aus wie das Kinderspiel Um zwölf Uhr stehen die Geister auf, aber der Abend überzeugt trotzdem. Regisseur Combecher hat seine jungen Darsteller zweifellos geschult, aber er hat sie nicht zu Kunstschauspielern getrimmt. Die Mittel sind einfach und dem Können von Laien angemessen. Und sicher ist das der Grund, warum die Akteure unverkrampft und lebendig wirken und warum sich das, was sie zu sagen haben, als ihr eigenes Anliegen vermittelt. Man sollte ihnen zuhören.

JUTTA BAIER