TheaterGrueneSosse in Canada – Der Abflug

Wenn jemand eine Reise tut,
So kann er was verzählen.
D'rum nahm ich meinen Stock und Hut
Und tät das Reisen wählen.

Matthias Claudius, 1740-1815



Frankfurt am Main – Flughafen, 10. Mai 2008 Wenn jemand eine Reise tut, tut er dies meist freiwillig und mit Freude. Als ich meine erste Reise tat, vor 51 Jahren im Alter von 4, war es nicht freiwillig und bei dem 2-wöchigen Aufenthalt im Erholungsheim war von Freude keine Spur. An die Obhut der Dame in Weiß erinnere ich mich noch sehr gut, allerdings nicht an ein Lächeln. Wohl aber an die Hände, die mir, nachdem ich meinen Widerwillen gegen Pellkartoffeln mit Quark kundgetan hatte, die größte Kartoffel und eine Riesenportion Quark auf den Teller taten. Nun, es ist nie zu spät, eine glückliche Kindheit zu haben und so machte ich das beste daraus: Theater! Und genau dieses Theater, das Theater Gruene Sosse, tut mal wieder eine Reise. Nach Kanada. Nach Vancouver und Ottawa. Freiwillig. Mit Freude!

Im Reisen sind wir mittlerweile geübt und können uns aufeinander verlassen. Also keine Hektik, keinen Stress, keine übertriebene Eile. Alles ist gepackt und organisiert und so trifft einer nach dem anderen auf dem Flughafen ein. Es sind noch gut 2 Stunden bis zum Abflug, wir haben also viel Zeit.

Die Schlange für die Lufthansa-Schalter ist so lang, dass sie bis um die Ecke reicht – und dann noch einmal um die Ecke bis tief in die Halle hinein, wo man schon flanieren und teure Accessoires kaufen kann. Per Handy verständige ich mich mit meinen Kollegen Willy und Detlef und wir steuern einen freien „Gruppen-Schalter“ an. Schließlich werden wir ja 5 Personen und somit eine Gruppe sein und unser 4. Mann, Horst, stößt in diesem Moment zu uns. „Sind sie angemeldet?“, fragt die Dame in Blau und als wir verneinen, nimmt sie sich trotzdem unser an. Danke!

Eine etwa 30-köpfige Gruppe stellt sich nun hinter uns an; dem Anschein nach angemeldet. Die Dame in Blau fragt nach der 5. Person und wir versichern, diese müsse jeden Moment kommen. Wir hatten dies befürchtet und mit allerlei freundlichen Bemerkungen, kleinen und klugen Witzen und geschickt platzierten Fragen über die Arbeitsbedingungen bei der Lufthansa AG den Zeitpunkt der Nachfrage hinausschieben wollen.

Aber unsere Kollegin Friederike ist immer noch nicht da und als wir sie endlich mobiltelefonisch erreichen, rückt die Gruppe hinter uns enger auf und wir spüren förmlich, wie angemeldet sie ist.

Unsere Kollegin versichert, ganz in unserer Nähe zu sein, was sie auch ist und deswegen muss die Gruppe hinter uns bei ihrer Ankunft wieder ein bisschen zurück, denn sie muss noch ihren Reisepass suchen und öffnet zu diesem Zweck ihren Koffer und weil der nicht so klein ist muss die Gruppe noch ein kleines Stück zurück, aber dann vermutet Friederike lauthals,



dieser sei noch zuhause in ihrem Schlafzimmer und dann wirft sie sich und ihren Rucksack vor der wartenden und angemeldeten Reisegruppe auf den Boden und den Inhalt des großen Faches hinterher und fragt ihren Sohn, wo noch ein Fach sei, denn schließlich sei es ja sein Rucksack und er müsse das doch wissen und der sagt dann „da vorne“ und dann schreit sie „wo denn“ und er sagt „da“ und da gibt dann die Reisegruppe auf und wechselt an den nächsten „Gruppen-Schalter“, wo noch eine andere, angemeldete Reisegruppe wartet!

Da findet dann Friederike ihren Reisepass und die Dame von der Lufthansa gibt uns die 5. Bordkarte und wir sind ganz erleichtert! Die Dame in Blau sieht gar nicht erleichtert aus, sondern eher ganz normal und sie lächelt - weil sie das wohl gewohnt ist!

Wir entspannen uns auch wieder und wir trinken noch einen Kaffee, sagen zu unseren Leuten „Auf Wiedersehen“ und „mach´s gut“ und „tschüss“ und lassen unsere Pässe und Bordkarten und Taschen und Schlüssel und Gürtel kontrollieren und schlendern auf Gate B 42 zu und da sagt mir eine Uhr, dass unser Flugzeug in 7 Minuten abfliegt und wir rennen los! Nun, wir haben es doch noch geschafft – wenn auch am Gate eine andere Dame in Blau nicht mehr lächelte und schon Anweisung gegeben hatte unser Gepäck wieder aus zu laden und dann Anweisung gab es wieder ein zu laden und alle, alle warteten schon. Aber die Dame im Flugzeug, ebenfalls in Blau und in deren Obhut ich mich sehr wohl fühle, lächelt und sie gibt mir nicht die größte Kartoffel und eine Riesenportion, sondern das, was alle anderen auch bekommen, ein leckeres Flugzeug-Menü – obwohl ihr Blau eine Spur Weiß enthält.




Vancouver, British Columbia, 19. Mai 2008

„Bären bringen Glück“, heißt es in Kanada! Aber ein kanadischer Kollege verriet mir, dass er nun schon mehr als 5 Jahre in dieser Gegend lebt und noch nie einen Bären gesehen habe! Wir hatten auch so Glück: Mit unserem „Henry the Fifth“ hatten wir das Festival eröffnen dürfen und bekamen von den geladenen Gästen und vielen Kollegen freundliche und anerkennende Kommentare. Mit unserem Publikum war es noch besser und sogar Lehrer lobten uns! Vancouver war eine tolle Stadt, unser Hotel war prima, wir verstanden uns gut und das Wetter – na ja, sagen wir, wir hatten Glück, denn normalerweise regnet es viel öfter. Und wir hatten Spaß bei unserer Arbeit. Vor unserem nächsten Festival in Ottawa hatten wir ein paar Tage frei und wollten diese an der „Sunshine Coast“, einige Kilometer nördlich von Vancouver verbringen. Der Abschied war herzlich und unsere Veranstalterin Lindy Sisson, die unsere Art von Theater begeistert propagierte, war zufrieden. Und obwohl es ein großes Festival war, hatten wir uns mit einigen Kollegen angefreundet und so zog sich der Abschied in die Länge. Da ich unseren Leihwagen schon mal vorgefahren hatte, schaltete ich also den Motor wieder ab und wartete auf die Kollegen. Es dauerte, aber da ich Glück hatte und es gerade nicht regnete, stieg ich aus, lehnte mich entspannt an den Wagen und beobachtete das Treiben um mich herum. Mein Halt sollte nur einen Moment dauern, also stand ich vor den beiden Shuttle-Bussen. Sie brachten im Bedarfsfall Kollegen hierhin und dorthin, aber der nächste Bedarfsfall war erst in einer Viertelstunde – ein amerikanischer Kollege musste zum Flughafen.

Ich genoss die Ruhe, die Pause und hörte ein leise Klick. Das heißt, ich spürte es mehr als dass ich es hörte. Ich blieb ganz ruhig, denn ich wusste nun: Das Auto hatte sich verriegelt! Warum? Ich wusste es nicht! Aber ich wusste, dass der einzige Schlüssel im Zündschloss steckte; einen Ersatzschlüssel hatten wir nicht, den hatte die Autovermietung, das wusste ich. Ich wusste aber auch, dass heute „Queens-Day“, „Königinnen-Tag“ war – ein nationaler Feiertag in Kanada und da würde die Autovermietung mit Sicherheit zu haben, das wusste ich und obwohl ich keine Uhr hatte, wusste ich, dass die 15 Minuten bald um sein mussten und obwohl meine Kollegen in diesem Moment kamen wusste ich, dass das jetzt auch egal war. Jetzt wusste ich nichts mehr, außer, dass ich Glück brauchte! Viel Glück, denn in diesem Moment näherten sich auch der Fahrer des Shuttle-Busses und der amerikanische Kollege!

Ich hatte Glück. Da ich die Tür nicht ganz zugedrückt hatte blieb ein kleiner Spalt. Durch diesen gelang es Detlef mit Hilfe eines Requisiten-Drahtes von „Henry the Fifth“, den Entriegelungsschalter zu drücken und mit leichter Verspätung konnte der amerikanische Kollege zum Flughafen gebracht werden! „Da habt ihr noch mal einen starken Akzent gesetzt“, meinte Lindy, die Festival-Leiterin. Und dann sahen wir sie, die Bären. An der „Sunshine Coast“. Im Wald, an der Strasse, hinter unserem Ferienhaus. Insgesamt fünf dicke, schwarze Bären! Und zum Abschied, am letzten Tag, setzte einer dieser Kerle an unserem Eingang, neben die ausgeräuberte Mülltonne noch mal einen starken Akzent, einen riesigen Bären-Haufen. Wenn das kein Glück ist!